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Scholl oder Kahn?

Der Stern weiß: Das Duo Opdenhövel/Scholl ist beliebter als die beiden Olivers vom ZDF. Aber: Erstens ist der Vorsprung knapp, und zweitens mögen Ossis und die Jugend eher Kahn und Welke. Wie konnte es dazu kommen?

Von Michael Meyen

Was war dieser Oliver Kahn für ein Experte: ein Ex-Titan, der langsam aus den Fugen ging und plötzlich Anzüge trug, aber immer noch vom Druck sprach, von Willen und Konzentration und davon, alles, aber wirklich alles geben zu müssen. Daneben Katrin Müller-Hohenstein, mehr Fan als Journalistin und irgendwie immer noch beim privaten Radio. Was immer man da geben wollte: mehr als Note vier ging nicht, zumal der andere Kanal Mehmet Scholl hatte: schlank wie eh und je, der Mode stets einen Schritt voraus, mit dem Blick für das, was der Amateur am Bildschirm garantiert nicht weiß, und mit dem Mut zum schrägen Urteil. Unvergessen: Mario Gomez, der sich wundliegt statt zu laufen.

Mehmet Scholl ist immer noch schick und schlecht zu sprechen auf die großen Stürmer. Fred im Spiel gegen Chile? Mit zehn Mann könne selbst Brasilien nicht gewinnen. Wen immer Scolari in der zweiten Halbzeit bringe:  Er werde sich wenigstens bewegen. Ersatzmann Jo lief dann trotzdem nicht, aber egal. Ein echter Scholli. 34 Prozent der Deutschen gefällt das ARD-Duo besser. 34 Prozent: Das ist wie ein 2:1 gegen Algerien nach Verlängerung. Welke und Kahn liegen nur knapp dahinter (25 Prozent), viele der Befragten sehen keinen Unterschied (beide gleich: 20, weiß nicht: 21), und die Jungen (14 bis 29 Jahre: 33 zu 27) und die Ossis (41 zu 22) sind eher für das ZDF.

Klar: Umfrage ist Umfrage und für den Stern nur eine Nachricht. Auch klar: Alle vier machen einen fantastischen Job. Nie waren Halbzeitpausen, Vor- und Nachberichte im deutschen Fernsehen so unterhaltsam wie bei dieser WM. Was immer auf der Dachterrasse von Rio gequasselt wird: Es ist witzig, schnell und trotzdem informativ. Kaum Floskeln, wenig Wiederkäuen von dem, was man längst schon weiß. Trotzdem: Wie hat der Titan so stark aufholen können?

Antwort eins: Oliver Welke. Okay: Klamotten und Figur. Daran kann er arbeiten. Sonst aber: Sportjournalismus vom Feinsten. Bestens informiert, sprachlich kaum zu toppen und immer auf Distanz. Nur ein Beispiel: Als Poldi und Schweini Arne Friedrich auch im ZDF ins Meer werfen, spricht Welke von der PR-Maschine Nationalmannschaft. Mit diesem Profi an der Seite wächst auch Fernseh-Laie Kahn. Wer hätte das gedacht: Der Titan entwickelt Ironie, sogar gegen sich selbst. Großartig: der Dialog zum Beißer Suarez. Kahns Vergangenheit wird nicht erwähnt und ist trotzdem stets präsent.

Antwort zwei: Jeden Tag TV-Arbeit ist anstrengend, sogar für Mehmet Scholl. Immer fröhlich sein, immer urteilen, immer reden, selbst wenn es einen gar nicht mehr interessiert und man eigentlich doch weiß, was auf dem Rasen passiert. Die Chilenen, zum Beispiel. Die sind gut, die müssen gut sein bei Mehmet Scholl, selbst wenn am Ende doch Brasilien gewinnt. Kostarika gegen Griechenland danach? Furchtbar für einen Ballästheten. Eine andere Sportart, sagt Scholl. Als er noch bei Kräften war, vor zwei Wochen, sah er einen großen Kampf. Bei Nigeria gegen Iran. Wenn die Kräfte nachlassen, kommen die Klischees. Zum Glück ist sie bald vorbei, die WM.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

Ein Kommentar zu “Scholl oder Kahn?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Juli 2014 von in Gesehen und getaggt mit , , , , , , , , .

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