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„War Porn“ – Ein Kriegsfotograf über Selbstzensur und Pazifismus

Brauchen wir Fotos mit Blut und verstümmelten Menschen um zu begreifen, was Krieg wirklich bedeutet? Ja, sagt Fotograf Christoph Bangert. Ihn macht unser Wegsehen wütend. Doch viele Redaktionen wollen seine Bilder nicht veröffentlichen. Selbstzensur!

 Von Andrea Lindner

Der Kriegsfotograf Christoph Bangert hat schon viele Fotos gemacht. Schlimme und weniger schlimme. Die weniger schlimmen werden uns in den Medien jeden Tag gezeigt. Die Anderen die zu schlimm für unseren Alltag sind bekommen wir nicht zu sehen. Außer wir sind mutig und kaufen uns das neue Buch „War Porn“ von Christoph Bangert. Die Zeit hat den Fotografen dazu interviewt.

Die schockierenden Bilder von Kriegsfotograf Christoph Bangert

Die schockierenden Bilder von Kriegsfotograf Christoph Bankert: Einfach auf der Müllhalde entsorgt wie wertloser Dreck! (Quelle: Christoph Bangert)

 

Die Bilder von Christoph Bangert sind schrecklich. Hinschauen fällt schwer. Können wir uns den Krieg und das Leid nicht auch ohne aufgeschlitzte und gefolterte Menschen vorstellen? Nein, sagt Bangert: „Das ist unfair den Menschen gegenüber, die das tatsächlich erlebt haben. Ein Einwand ist, dass es unmoralisch sei, sich diese Bilder vom Leid anderer Menschen anzusehen. Ich finde, es ist umgekehrt. Es ist unmoralisch, sich diese Bilder nicht anzusehen.“

Und keiner hilft...

Und keiner hilft… (Quelle: Christoph Bangert)

Umso wütender macht es ihn, wenn wir alle in unserem behüteten Deutschland wegsehen. Wenn die schrecklichen Bilder zu hart für uns sind: „Manchmal denken die Menschen, ich würde viel Geld mit Bildern verdienen, auf denen Blut fließt. Es ist genau umgekehrt.“ Die Redaktionen wollen lieber die harmlosen Bilder – die alles doch gar nicht so schlimm erscheinen lassen, sagt der Fotograf: „Ich kann das natürlich verstehen. Das große Thema des Buches ist für mich die Selbstzensur. Die beginnt bei mir als Fotografen. Es gibt viele Bilder im Buch, bei denen ich mich nicht erinnere, sie gemacht zu haben. Das Gehirn löscht diese Erinnerungen einfach. Auch in den Redaktionen findet Selbstzensur statt.“

„Wir bewegen uns hier in einem ethischen Abwägungsbereich, in dem Christoph Bankert mit seinem Buch – das ich auch wahrgenommen habe – eine bestimmte Positionierung einnimmt; andere kommen zu anderen Schlüssen als er, auch andere Fotografen“, sagt Stefan Plöchinger, Chefredakteur von SZ.de. „Ich finde die Debatte richtig, weil sie die Auseinandersetzung mit Gewalt und Grauen sowie der Abbildbarkeit derselben wieder ins Gedächtnis ruft. Wir haben uns in der Redaktion seit langem entschieden, uns bei jedem Foto in eben jene ethische Abwägung zu begeben und keine pauschale Antwort zu geben.“

Chrsitoph Bangert in Afrika

Chrsitoph Bangert in Afrika

Christoph Bangert appelliert an uns alle: Wir müssen uns überwinden solche Bilder anzusehen! Wir müssen der Realität ins Auge sehen. Und die Zeit erinnert uns mit ihrem Interview daran. Auch wenn es den Journalisten bestimmt nicht einfach gefallen ist, dieses Interview zu führen, mussten sie sich doch an der eigenen Nase packen. Schreiben sie nicht selbst lieber über Belangloses? Unterhaltsames? „Es ist anders, als zwei Stunden vor dem Fernseher zu sitzen und sich hinterher kaum zu erinnern, was man in den Nachrichten gesehen hat.“ Und das ist keine Feststellung von Bangert, sondern eine Aufforderung.

„Ich mache mit den Fotos keine Ausstellungen, auf denen die Gäste mit einem Glas Chardonnay in der Hand an Leichen vorbeispazieren.“ Viele Fotos des Fotografen könnt ihr euch auf seiner Seite ansehen. Seid mutig! Traut euch hinzusehen! Und blickt der Wahrheit ins Gesicht.

Über Andrea Lindner

Andrea (22) studiert an der LMU München Psychologie und Kommunikationswissenschaft. Neben dem Studium arbeitet sie u.a. für die SZ oder focus.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Juli 2014 von in Gelesen und getaggt mit , , , , , , , .
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