Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Pokal, gescripted

Welch ein Aufwand für 32 Spiele. Die Sportschau fährt über Land und macht aus dem DFB-Pokal eine Castingshow.

Von Michael Meyen

Ach früher. Wie schön war da so ein Pokalwochenende. Hier ein 0:9, dort eine Sensation. Das Bayern-Spiel natürlich, ein paar Erstligisten und die Tradition. Am besten in der Preisklasse Rot-Weiß Essen gegen Tasmania Berlin. Den Rest hat der Moderator einfach vorgelesen. Aalen, Sandhausen. Die, die sowieso keiner sehen will.

Heute? Heute füllt der Pokal die Sportschau gleich zweimal. Samstag und Sonntag, jeweils überlang. Die Rechte haben ihren Preis. Noch immer will niemand Aalen oder Sandhausen sehen. Was also macht Das Erste? Hinaus mit großem Aufwand in die Provinz. Vorberichte drehen wie in der Champions League. Bernd Hollerbach in den Weinbergen von Würzburg. Der verlorene Sohn, heimgekehrt, um seine Stadt auch im Fußball nach oben zu bringen.

pokal2Dass das dann auch klappt (Sieg gegen Düsseldorf), konnte vorher keiner wissen. Den Rest schon. Da es jenseits der dritten Liga kaum Hollerbachs gibt, schreiben die Reporter einfach Drehbücher und machen aus Amateurfußballern Amateurschauspieler. Dabei sein ist nicht mehr alles in der ersten Pokalrunde. Jetzt müssen die armen Jungs, die gleich 1:5 verlieren oder 0:9, ins Wasser springen und Sachen sagen wie: Wir machen euch nass! Oder: Wir rauchen euch in der Pfeife! Pfeife im Mund, natürlich. Variante zwei: Kamera drauf bei der Kabinenansprache. Urschreie, Siegesgewissheit. Dem Script sei Dank.

Da Fairness zum Sport gehört: Manchmal macht dieser Pokal auch heute noch Spaß. Der Sohn von Pannen-Olli Reck im Tor der Freien Turner Braunschweig. Der Vater von Nils Petersen als Trainer in Rehden. Und dann Jürgen Bogs in Neubrandenburg. Zehnmal DDR-Meister mit dem BFC-Dynamo und jetzt als Trainer in der Oberliga Nordost verabschiedet. Eik Galley macht aus seinem Bericht eine Werbung für die Sportstadt Neubrandenburg. Kanuten, Leichtathleten und jetzt endlich auch Fußballer. Geführt gegen den KSC und dann doch 1:3 verloren. Die erste Pokalrunde in der Sportschau: Fußballgeschichten plus Heimatkunde. Programmauftrag erfüllt, trotz Scripted Reality.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. August 2014 von in Gesehen und getaggt mit , , , , , , , .
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