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Eil+++ Warum manche Meldungen wichtiger sind als andere

Nutzer von Nachrichten-Apps sehen sich manchmal von Eilmeldungen überflutet – doch wer entscheidet überhaupt was wichtig ist und was nicht? „Eil+++ Facebook-Server down!“ – leuchtete Anfang des Monats mein Handy auf, oder „Eil+++ Angelina Jolie und Brad Pitt haben geheiratet“. Ist diese Funktion nicht eigentlich für wichtige Nachrichten reserviert?

von Julia Anton

Die Smartphone-Generation. Da muss immer alles schnell gehen, möglichst gleich und jetzt sofort. Eine wichtige Nachricht am nächsten Tag auf die Titelseite zu drucken reicht längst nicht mehr aus. Aus diesem Grund dachten sich findige Redakteure Eilmeldungen aus: wenn sie etwas als besonders wichtig erachten, lassen sie nun unsere Handys klingen.
Nachrichten-Apps sind Fluch und Segen zugleich, zwar kann man immer und überall Nachrichten lesen – in der U-Bahn, in der Warteschlange, im langweiligen Geschäftsmeeting. Gleichzeitig aber hat man das Gefühl, ständig auf dem Laufenden sein zu müssen.

Eilmeldungen können so praktisch sein, wenn man sich nicht erst Stunden später in der Tagesschau vom neuesten Regierungsskandal oder einer schlimmen Naturkatastrophe überraschen lassen möchte. Doch was ist mit Eilmeldungen wie: „Schauspieler XY im Alter von 98 Jahren gestorben“ (kannte ich sowieso nicht), „CL-Auslosung: BVB gegen Real im Halbfinale“ (möge der Bessere gewinnen) oder „Facebook-Server down“ (dabei wollte ich gerade ein Statusupdate posten, Mist!).

Eine Eilmeldung definiert sich eigentlich dadurch, dass sie besonders relevante Inhalte hat. Das weiß sogar Wikipedia. Fragt sich nur, was überhaupt relevant ist. Eine Theorie in der Kommunikationswissenschaft richtet sich dabei nach den Nachrichtenfaktoren, eine Meldung wird aufgrund von Eigenschaften wie Nähe, Elite-Personen und Negativität beurteilt. Scheint in der Praxis nur bedingt zu funktionieren. Oder wie sonst erklären sich Eilmeldungen wie die von Focus Online über den Facebook-Down? Als Nutzerin der Apps von Focus und Spiegel Online fällt mir allgemein schon häufig auf, dass oft unterschiedliche Meldungen mit „Eil“ gekennzeichnet werden. Ich frage in beiden Reaktionen nach – während man beim Focus leider keine Zeit hat, meine Anfrage zu bearbeiten, darf ich mit Spiegel Online Redakteur Matthias Streitz sprechen.

„Von Nachrichtenagenturen wie dpa, AP und so weiter erhalten wir täglich über hundert Eilmeldungen – wir wählen dann aus, was für unsere Leser interessant sein könnten. Neben Theorien wie den Nachrichtenfaktoren spielt dabei vor allem die Erfahrung des Redakteurs eine Rolle. Jede Eilmeldung wird aber vorher mit Kollegen besprochen, außerdem sollten es im Normalfall nicht mehr als zwei bis drei Meldungen pro Tag sein“, erklärt er mir das Vorgehen. Außerdem spielt es natürlich eine Rolle, wo sich die Redaktion einordnet. „Wir sehen uns eher bei Politik und Vermischten. Aber wir bringen auch Meldungen über Sport, vorallem über Fußball, weil es für einen großen Leserkreis ein wichtiges Thema ist – dass versuchen wir natürlich zu berücksichtigen. Das dabei nicht jeder zufrieden ist, ist klar.“ Eine Eilmeldung über einen Down der Facebook-Server kommt für SPON allerdings nicht in Frage – „Das merkt der Nutzer von allein, wenn Facebook nicht geht – da muss man ihn nicht extra drauf aufmerksam machen.“

Klingt plausibel – trotzdem finde ich es immer wieder faszinierend, was für unterschiedliche Dinge Menschen als „wichtig“ einstufen – vor allem wenn sie darüber entscheiden, welche Nachrichten dann auch für mich „wichtig“ sein sollen. Die Nachricht über den Facebook-Down hat vielleicht doch den ein oder anderen Teenie zur Verzweifelung gebracht. Bei mir löst sie eher Verwunderung aus. Geht es uns wirklich so gut, dass so etwas unser größtes Problem ist? Hoffen wir’s. Übrigens: man kann die Eilmeldungen auch ausstellen. Irgendwie traue ich mich aber nicht. Am Ende verpasse ich dann doch was.

Über Julia Anton

22, 55. Lehrredaktion an der DJS/LMU.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. August 2014 von in Aufgefallen und getaggt mit , , , , , , , , , , .

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