Munich Media Watch

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Zeitung 2.0

Die Süddeutsche mutiert am Samstag zum Wochenblatt. Die Papierzeitung der Zukunft: Bilder, Lesestoff, Exklusivität.

Von Michael Meyen

„Das Beste zweier Welten“: Kurt Kister verkauft die neue Samstagausgabe der Süddeutschen Zeitung als „eine Art Liebesheirat zwischen Tageszeitung und Wochenblatt“. Als ob es unter Druck Liebe geben könnte. Der Chefredakteur kennt seine Leser. Er hat sie wieder gesehen in der „Nacht der Autoren“. Lehrer und Angestellte, ergraut mit ihrer Zeitung. Diesen Leuten muss er nichts vom Internet erzählen oder vom Boom des Freitag-Samstag-Abos. Ein Hieb gegen „die Wochenblätter, die so zwischen Donnerstag und Montag erscheinen (bald häufiger am Samstag“, und ein Ausblick auf das „kleine Gedränge am Kiosk“, das es geben werde, wenn die „Magazine“ endlich soweit seien. Bloß keine Namen, bloß keine Aufregung.

SZ„Deutschlands neue Wochenendzeitung“ (Eigenwerbung) ist so neu nicht. Es gibt immer noch all das, was es schon früher gab. Die gleichen Rubriken, die gleichen Schreiber. Wie sollte es auch anders sein. Was die SZ macht: ausreizen, was der Druck auf Zeitungspapier hergibt und was weder die App kann noch das Internet. Riesige Grafiken. Das ganze „Buch zwei“ für ein Thema. Dass dieses „Buch“ dann nur drei Seiten hat und sich auch noch mit Islamisten befasst: geschenkt. Die „SZ für Kinder“ hat zwei Seiten über Ebola. Für Genuss muss die Ästhetik sorgen. Große Fotos, schöne Fotos. 36 mal 13 Zentimeter Holly Johnson von Frankie Goes To Hollywood auf Seite 3. Jede Falte zu sehen und jede Strähne. Xabi Alonso vor der Pokalwand des FC Bayern, auf einer halben Seite. So groß ist das Tablet einfach nicht. Dann trotzdem noch eine ganze Seite Interview. Das ruft nach dem Lehnstuhl, das ruft nach einem Tee oder nach einem Bier.

Vermutlich ist es Kalkül, dass diese Fülle an Interviews und Geschichten über uns hereinbricht, wenn die Uhren wieder zurückgedreht werden. Wenn die Tage kürzer und kälter sind. Im Frühling sollen wir vergessen haben, dass die Zeitung früher hektisch war. Voller Meldungen, die wir längst schon kannten. Lesen. Zeitung lesen. Und dann liegt ein Wust Papier neben dem Lehnstuhl. An dem die gute, alte Tageszeitung am Ende doch ersticken wird.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

Ein Kommentar zu “Zeitung 2.0

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Oktober 2014 von in Gelesen und getaggt mit , , , , , , , , , .

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