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Verschreibungspflichtige Werbung?

Im Werbeprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fällt ein Satz am häufigsten: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Über Werbung, die krank machen will.

Von Antonia Brunet


Um es vorab zu sagen: Ich liebe Werbung. Ich bin eine der wenigen Personen, die Werbepausen nicht zum Toilettengang, Abwaschen oder Wäsche Aufhängen missbraucht. Meine Schwester und ich halten das Patent des unterhaltsamen Spiels „Werbung erraten“. Doch wann immer ich im Vorabendprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender Werbung sehe, biegt es mir die Zehennägel hoch. Womit wir schon beim Thema sind: Während ich abends nichts lieber möchte, als in Ruhe meine Semmel zu essen und mich dabei vom Fernseher berieseln zu lassen, zeigt ARD mir Bilder von sich ablösenden Fußnägeln. Der Grund dafür: Nagelpilz.

20141031_192123Mein Appetit ist jetzt weg – und ich mache mir Sorgen. Armes Deutschland, geht es Dir wirklich so schlecht? Da ist von Verstopfung, Sodbrennen, nervöser Unruhe, Hämorriden, Schlafproblemen, Gedächtnisschwäche oder Scheidenpilz die Rede. Es scheint fast so, als ginge die Pharmaindustrie am frühen Abend auf Bauernfang – immer auf der Jagd nach den Kranken und Hypochondern der Republik. Natürlich ist zielgruppengerechte Werbung für mich nichts Neues oder Verwerfliches: Auf sixx werden Haarpflegeprodukte und Online-Versandmode beworben, Sky zeigt in den Werbepausen Rasierapparate, Autos und Technik. Aber: Das sind Privatsender – weder durch deutsche Haushalte subventioniert, noch mit einem öffentlichen Auftrag ausgestattet. Denn der Rundfunkstaatsvertrag schreibt vor: Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten müssen eine unabhängige „Grundversorgung“ mit Informationen, Bildung, Kultur und Unterhaltung gewährleisten. Und dieser Programmauftrag hört doch in den Werbepausen nicht auf! In besagten Pausen wird dem Zuschauer von ARD und ZDF aber vor allem eines beigebracht: Wer keine Pillen schluckt, kann gar nicht gesund sein. Dann vielleicht lieber gar keine Werbung? Verhungern werden die öffentlich-rechtlichen Sender schon nicht: Laut der ZEIT überweisen die Deutschen jährlich siebeneinhalb Milliarden Euro Rundfunkbeitrag an ARD und ZDF. Man könnte meinen, dass das ein ausreichend satter Batzen ist, um auf Werbung zu verzichten.

Während meine Semmel auf dem Sofatisch eintrocknet, bleibt noch immer die Frage: Was haben Medikamente im Vorabendprogramm zu suchen? Habe ich eine Pilzerkrankung, schreibt mir mein Arzt das passende Rezept. Leide ich unter einer Erkältung, versuche ich viel zu schlafen, an die frische Luft zu kommen und mich ausgewogen-vitaminreich zu ernähren. Und habe ich chronische Schlafprobleme oder „nervöse Unruhe“, dann kann mir ein Therapeut wahrscheinlich effektiver helfen als Baldriantropfen aus der Apotheke. Mein Vorschlag: Hört auf, Menschen krankzureden und für jedes Wehwehchen ein teures Arzneimittel in der Werbepause anzupreisen. Denn für meine 17,98 Euro Rundfunkbeitrag im Monat möchte ich Spaß am Fernsehen haben – und mich nicht krank fühlen müssen.

Über Antonia Brunet

“Lieber Wochen- als Tageszeitung: Ausgiebig und ganz ohne Zeitdruck. Lieber Print- als Onlinemedien: Haptik rockt! Lieber Special Interest Zeitschriften als Sensationen für die Masse: Ich blättere in Dogs, deli & Co. Lieber private als öffentlich-rechtliche Sender: TV mit Unterhaltungswert.”

Ein Kommentar zu “Verschreibungspflichtige Werbung?

  1. christine
    5. November 2014

    Richtig! Diese Arzneimittel Werbung ist nur spießig und wenig ersprießlich!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Oktober 2014 von in Allgemein, Gesehen und getaggt mit , , , , , , .

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