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Die Welt des Weltspiegels

Am vergangenen Sonntag musste der Weltspiegel aufgrund des 25-Jährigen Mauerfall Jubiläums ausfallen. Ein Grund, sich die Berichterstattung der letzten vier Wochen anzusehen und zu klären: Was für ein Bild von der Welt wird uns eigentlich vermittelt?

Von Melissa Raupach

Sich anzumaßen, die ganze Welt in circa 35 Sendeminuten abzubilden, war wohl nie die Intention der Begründer des ARD-Formats. Nichtsdestotrotz bringen seit 1963 Korrespondenten aus der ganzen Welt Beiträge in die heimischen Wohnzimmer. (Fast) jeden Sonntagabend ermöglicht es der Weltspiegel, sich vom Sofa aus auf eine Reise um die Welt entführen zu lassen.

Reise um die Welt ist schon mal ein gutes Stichwort: in den vergangenen vier Folgen berichtete der Weltspiegel aus 18 Staaten und vier Kontinenten. Sicherlich gibt es Doppelungen aufgrund von besonderer Aktualität oder Brisanz. Die USA sind der Top-Renner des Formats. Ganze vier Berichte seit Anfang Oktober. Doch die Vielfalt liegt in den Themen. Das Spektrum reicht vom Boom der Gentests im Land der unbegrenzten Möglichkeiten über als Superhelden verkleidete Wohltäter bis hin zu den Senatswahlen.

WeltspiegelDie Diversität der Beiträge fällt nicht nur am Beispiel eines Landes, sondern auch in der Konzeption einer Sendung auf. Sogenannte „harte Themen“ wechseln sich mit weicheren ab. Eine Sozialarbeiterin in Gaza wird porträtiert. Sie arbeitet für UNICEF und kümmert sich um traumatisierte Kinder. Alles in einer realen Kulisse aus Schutt und Trümmern. Nach sechs Minuten in Gaza wird der Zuschauer nach Kenia mitgenommen. Im Norden des Landes, einer kargen Wüste, lernt man einen Nomadenstamm kennen, dem Geld oder Gold nicht sonderlich wertvoll erscheinen. Kamele – das ist das Wertvollste für die Nomaden. Denn was nützt schon Geld, wenn die Dürre besonders hart ist. Die Milch der Kamele macht satt und ist nahrhaft. Der nächste Schritt der Reise geht dann nach Mexiko-Stadt in ein Museum für Relikte gescheiterter Liebesbeziehungen.

Diese Themenwahl, die von tragisch bis erheiternd reicht, spiegelt dem Zuschauer eine vielfältige, durchaus abenteuerliche Welt wider. Tagespolitisch relevante Aspekte (Ebola, Ukraine-Konflikt, Islamischer Staat) werden durch kuriose Geschichten ergänzt. Die Bemühung, ein soweit es geht vollständiges Weltbild entstehen zu lassen, ist deutlich erkennbar. Positive Berichterstattung, für die in den Nachrichten aufgrund der vielen Konfliktherde meist kein Raum ist, findet im Weltspiegel eine Daseinsberechtigung.

Ebenso wird aber auch über Missstände berichtet, die es nicht auf die Top-Liste der Medienagenda geschafft haben. Ein Beispiel dafür ist die Gewinnung von Zinn in Indonesien. Zinn wird vor allem für Smartphones und ähnliche Geräte benötigt. In Indonesien wird es unter gefährlichen Bedingungen für die Arbeiter gewonnen. Kinderarbeit ist an der Tagesordnung. Die Korrespondenten lassen sich auf die Geschichten ein, suchen Protagonisten und begleiten diese. Identifikation mit Betroffenen, die nicht nur geographisch oftmals weit weg sind, kann dadurch erst entstehen.

Die Welt ein bisschen kleiner machen. Trotzdem die unfassbare Vielfalt verdeutlichen und darin nicht immer nur Gegensätze herauszustellen, sondern auch kulturübergreifende Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, das ist eine Leistung des Weltspiegels. Was gibt es Interessanteres, als sich auf diesen sonntagabendlichen Ausflug um die Welt einzulassen?

Ein Kommentar zu “Die Welt des Weltspiegels

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. November 2014 von in Allgemein, Gesehen und getaggt mit , , , , .
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