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SZ: Paywall im Frühling

Wenn der Winter geht, folgt die SZ im Internet der New York Times, sagt Stefan Plöchinger. Eigentlich sei das Bezahlmodell aber schon da.

Von Michael Meyen

Keiner habe so richtig bemerkt, was da passiert ist, sagt Plöchinger in der Journalismus-Vorlesung von Thomas Birkner am Münchener Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. Die Rubrik „Das Beste aus der Zeitung, exklusiv für SZ-Digitalabonnenten“ sei eine harte Paywall, eingeführt vor mehr als zwei Wochen und von den Kollegen kaum diskutiert. Ganz stimmt das nicht. Stefan Niggemeier hat auf Twitter von einem „lustigen Euphemismus“ gesprochen. 100 Re-Tweets, immerhin. O-Ton von Plöchinger und Fabian Heckenberger damals: „Wir werden SZ.de auffrischen, unsere digitalen Angebote noch besser verschränken und in das Abo-Modell auch jene Leser einbeziehen, die die bisher kostenlose Nachrichtenseite besonders häufig nutzen.“ Das klang nach Belohnung. Wer oft klickt, ist mit dabei. Beim Bezahlen.

Im Hörsaal in der Oettingenstraße hat Stefan Plöchinger dafür gute Argumente. Paywall: Das klinge, als sei man ein Bettler. Falsch. „Wir machen gute Arbeit, und gute Arbeit ist nicht umsonst zu haben“. Falsch sei auch das Gerede von der „Ursünde“, die Spiegel Online und andere vor zwei Jahrzehnten begangen haben sollen, als sie Inhalte ins Netz stellten, ohne dafür Geld zu verlangen. Lange habe man einfach Agenturmeldungen umgeschrieben, sagt Plöchinger. Wer wolle schon für News-News zahlen – für Dinge, die überall stehen? Exklusivität: Darauf komme es heute an. Etwas bieten, was andere nicht haben. Jetzt sei die SZ soweit, auch im Netz ihr Markenversprechen einlösen zu können. Erst jetzt.

Plöchinger erzählt von dem Verlagsapparat, der dafür in den vergangenen vier Jahren aufgebaut worden sei, von den 35 Programmierern, die das Haus inzwischen beschäftigt, und von den Erfahrungen, die mit der harten Paywall gemacht werden. Der Text über Internet-Star Shahrzad Rafati zum Beispiel, online am 8. Dezember, sei 14.000 mal geklickt worden, trotz Schranke. Überschrift: „Als Unternehmerin fühlt man sich manchmal auch einsam.“ Um Klicks geht es aber offenbar längst nicht mehr und auch nicht um Lob von den Kollegen. Die neuen Währungen: Probeabos (im Moment gut 800 am Tag) und Shares (bei 1000 sei man stolz). Nutzer zu Kernlesern (und Abonnenten) machen, weil sie schätzen, was die Redaktion leistet. Details zur weichen Paywall? Schwierig. Nicht so sehr weil Plöchinger keine Geheimnisse verraten will, sondern weil er es offenbar selbst noch nicht wirklich weiß. Eine gewisse Menge frei und weiter dann gegen Geld, soviel scheint sicher. Der Informatiker denke heute im Zwei-Wochen-Rhythmus, sagt Plöchinger. Eine Applikation programmieren und dann weitersehen. Botschaft: Das Internet lebt, auch im nächsten Sommer.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

2 Kommentare zu “SZ: Paywall im Frühling

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Dezember 2014 von in Gelesen und getaggt mit , , , , , .

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