Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Gewinner der Zeitungskrise?

Was haben ein Baum und ein gemütliches Lagerfeuer mit den Münchner Wochenanzeigern gemeinsam? Chefredakteur Johannes Beetz erzählt. Von Stephanie Herkenroth

IMG_2259Ist die Zeitungskrise doch nicht Status quo? Wie wird man eigentlich Chefredakteur? Der ehemalige Kommunikationswissenschaftler im Gespräch mit Munich Media Watch über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Münchner Wochenanzeiger:


 

Wie entstanden die Münchner Wochenanzeiger?
Die Wochenanzeiger haben eine lange Geschichte: Wir haben insgesamt zwölf verschiedene Titel, die früher von unterschiedlichen Verlagen herausgegeben worden sind. Der Älteste ist dabei der Westend-Anzeiger. Diesen gibt es seit rund 90 Jahren. Er ist damit das zweitälteste Anzeigenblatt in Deutschland, das heute noch existiert. Im Laufe der Zeit haben sich viele Verlage dann zusammengeschlossen.

Sie erwähnten ja gerade, dass Sie mehrere Blätter herausgeben. Da ist ja dann auch viel Papier im Spiel. Denken Sie dabei auch an den ökologischen Aspekt?
Der ökologische Aspekt ist uns natürlich wichtig. So besteht der Wochenanzeiger auch zu einem erheblichen Anteil aus Altpapier. In der Papierbranche ist es so, dass etwa 75 Prozent des Papiers wieder in den Kreislauf zurück fließt und nicht verloren ist. Für die Papierindustrie ist Altpapier der wichtigste Rohstoff. Natürlich wird eine Menge Papier verwendet beim Wochenanzeiger. Aber eben aus Quellen, die bereits im Kreislauf sind.

Wie sieht es derzeit auf dem Markt der Münchner Anzeigenblätter aus?
Heute besteht die Gruppe der „weiß-blauen“ Münchner Wochenanzeiger aus zwei Verlagen.

IMG_2241Was unterscheidet dann die beiden Verlage?
Das jeweilige Verbreitungsgebiet. Unsere Zeitungen erscheinen im Münchner Süden und Westen sowie dem Umland, die Kollegen decken den Norden und Osten ab.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten?
Ja. Inhaltlich arbeiten wir bei manchen Themen zusammen. Zusammengefasst kann man sagen: Die beiden Verlage operieren als eine große Gruppe, wenn es um Anzeigen oder redaktionellen Austausch geht. Im Grunde sind es aber stets zwei Verlage.

Ist dann eine klare Trennung der beiden Verlage überhaupt möglich?
Ja. Wir haben verschiedene inhaltliche Schwerpunkte. Zum anderen haben die Samstags-Ausgaben der beiden Verlage ein ganz anderes Format, womit die Unterscheidung leichter fällt.

Nun wieder zurück zu Ihren Ausgaben: Haben Sie ein bestimmtes Zielpublikum, für das Sie schreiben?
Nein. Wir wollen im Grunde alle erreichen. Das Problem dabei ist, dass wir vor allem die jungen Menschen nicht erreichen. Jugendliche haben meist häufig wechselnde Interessen. Deshalb erwischen wir die Leute eigentlich erst ab dem Moment, in dem sie sesshaft werden. Dann wollen die Menschen Antworten auf Fragen, wie zum Beispiel: „Wo bekommt man im Viertel am besten einen Platz im Kindergarten?“. Dafür schlagen sie dann den Wochenanzeiger auf.

War das schon immer so? Oder gab es eine Veränderung bezüglich des Zielpublikums über die Jahre hinweg?
Ja. Die Anzeigenblätter sind eher auf dieses feste Publikum ausgerichtet.

Wie finanziert sich denn der Wochenanzeiger?
Über Anzeigen und Beilagen.

Ausschließlich?
Ausschließlich.

Wie viele Redakteure arbeiten derzeit bei Ihnen?
Unser Team besteht aus zwölf Leuten. Das ist ein sehr großes Team.

Gibt es dafür einen besonderen Grund?
Ja, in der Tat. Uns ist die Vernetzung in den einzelnen Stadtteilen sehr wichtig. Wir haben praktisch in jedem Viertel, in dem eine Ausgabe des Wochenanzeigers erscheint, eine Mitarbeiterin, die nur für dieses Viertel zuständig ist. Zählt man die Kollegen im Norden noch dazu, haben wir mehr Redakteure als alle Münchner Tageszeitungen im lokalen Gebiet.

Das ist dann sozusagen Ihre Stärke?
Ja, genau. Das ist die Nische, die wir besetzen, um so einen direkten Draht zu den lokalen Geschehnissen in München zu haben.

IMG_2247Sie sind ja der Chefredakteur der Münchner Wochenanzeiger – Wie kam es denn dazu?
Ich habe nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft und dem Zivildienst angefangen Praktika zu machen, um Erfahrungen zu sammeln. Nach dem Abschluss des Studiums habe ich dann ein Volontariat beim Kreisboten in Fürstenfeldbruck absolviert. Und seitdem bin ich eigentlich bei den Anzeigenblättern. Seit 1999 arbeite ich nun schon beim Wochenanzeiger.

Dann war Ihnen immer schon klar, dass Sie schreiben wollen?
Ja, zumindest seit meinem Studium. Wobei mir damals noch nicht klar war, dass es mich zum Anzeigenblatt führen wird.

Gibt es eigentlich Rückmeldungen auf Artikel in Ihren Ausgaben?
Ja, wir bekommen immer wieder Leserbriefe und Kommentare.

Generieren dabei bestimmte Themen vermehrt Rückmeldungen?
Ja. Die Leser melden sich vor allem zu Wort, wenn in ihrem Viertel etwas verändert werden soll, wie z.B. vor zwei Jahren die Umgestaltung des Harras. Da gab es nach der Fertigstellung dann eine lange Diskussion über das Für und Wider.

Warum?
Der Grund dafür ist eigentlich ganz einfach: Die Menschen sind bei diesen Veränderungen direkt betroffen.

Ist dann nur bei lokalen Angelegenheiten mit Rückmeldungen der Leser zu rechnen?
Nein, das kann man so nicht sagen. Neben dem Lokalen, widmen wir uns ja auch übergeordneten Sachverhalten. Wir versuchen so auch Themen aufzugreifen, die nicht zu den klassischen Inhalten eines Anzeigenblattes gehören.

Zum Beispiel?
Unsere alljährlichen Sommergespräche. Diese Gespräche behandeln Themen, wie den Fachkräftemangel oder Wertewandel – Themen, die sonst in Anzeigenzeitungen nicht unbedingt zu finden sind. Darauf erhalten wir auch Leserbriefe und Rückmeldungen.

Wie reagieren Sie dann auf etwaige Reaktionen der Leser?
Grundsätzlich ist das Anzeigenblatt für viele Menschen ein Sprachrohr, um Beschwerden oder Anregungen weiterzugeben. Angefangen bei der Post, über den Münchner Verkehrs-und Tarifverbund bis hin zu Stadt. Wir versuchen deshalb auch, die andere Seite mit einzubringen. So können die Leser bei uns direkte Fragen an die Bürgermeister stellen, welche auch von diesen beantwortet werden. Das ist unser Versuch, die einzelnen Parteien an einen Tisch zu bekommen. Unser Ziel ist es, nicht nur eine Beschwerde abzudrucken, sondern nach geeigneten Lösungen zu suchen. Gemeinsam mit den Betroffnen.

Sehen Sie darin eine der Hauptaufgaben Ihrer Blätter?
Ja, genau. Das Wesentliche bei uns im Verlag ist es, Menschen zusammenzubringen. Das ist bei den Anzeigen der Fall, wenn eine Person eine Wohnung zu vermieten hat und eine andere gerade nach einer sucht. Redaktionell gesehen gilt das Gleiche.

IMG_2240Ist der Wochenanzeiger dann eine Art Vermittler zwischen den Menschen?
Auch. Die klassische Aufgabe vom Journalismus ist es ja, Geschichten zu erzählen. Zudem sollte man immer versuchen, die Welt ein bisschen zu erklären. Das wird wahrscheinlich noch mehr an Bedeutung gewinnen, da es heute viel mehr Quellen gibt als früher. Jeder kann irgendwo etwas veröffentlichen. Dadurch steigt die Menge an Informationen. Unsere Aufgabe ist deshalb, die Masse an Informationen ein Stück weit zu sortieren.

Wo findet dieser Ansatz Anwendung?
Dies geschieht bei uns vor allem im lokalen Bereich. So erklären wir, was in den Bezirksausschüssen der jeweiligen Viertel passiert. Denn das ist der Zeitpunkt, zu dem neue Projekte der Stadtplanung oder im Straßenverkehr vorgestellt werden. Wir liefern den Lesern auch eine Zusammenstellung an Veranstaltungen, die in den jeweiligen Stadtgebieten stattfinden. Ferner bieten wir Leserservice und versuchen zudem Informationen zu bündeln, die für das jeweilige Viertel relevant sind.

Würden Sie sagen, der Wochenanzeiger ist eine lokale Orientierung für Menschen, die es sich nicht leisten können, die Süddeutsche Zeitung zu kaufen?
Ja, das ist eigentlich genau unsere Erfahrung der letzten Jahre. Wir profitieren von der sogenannten „Zeitungskrise“, da wir Lücken füllen, die sich bei manchen Tageszeitungen aufgetan haben. Dadurch, dass es uns schon recht lange gibt, sind wir in den Vierteln verwurzelt. Durch die Redakteure in den einzelnen Stadtteilen, sind wir vor Ort und können lokale Berichterstattung machen, die die anderen Tageszeitungen nicht mehr im früheren Umfang machen. Das heißt, wir gehen in diese Lücke, waren da aber auch schon immer.

Was hat sich Ihrer Meinung dann vermutlich verändert?
Die Wahrnehmung des Wochenanzeigers, da wir inzwischen in vielen Bereichen Alleinstellungsmerkmale haben. So ist uns bürgerliches Engagement zum Beispiel sehr wichtig. Deshalb stellen wir in fast jeder Ausgabe ein Projekt oder Ehrenamtliche vor. Das findet man in diesem Umfang nur noch in den Anzeigenblättern.

Können Sie die Veränderungen beim Wochenanzeiger durch die Zeitungskrise etwas genauer erklären?
Das Konzept ist ja seit jeher das Gleiche. Ohne die lokale Verwurzelung hätten die Anzeigenblätter auch keine Zukunft. Man kann es sich wie einen großen Baum vorstellen: Die Wurzeln des Baumes sind unsere Verankerung in den Vierteln. Was an Bedeutung gewinnt, ist die Verästelung der Baumkrone: Wir wachsen wie sie und greifen neue Themenfelder auf. Ein Beispiel hierfür wären die, vorhin bereits erwähnten, Sommergespräche. So ist man möglichst breit aufgestellt.

Arbeiten Sie bei manchen Themen auch mit anderen Verlagen zusammen?
Ja, ein Beispiel ist die Zusammenarbeit innerhalb des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter. Mit bundesweit rund 900 Ausgaben und 212 Verlagen, versuchen wir gemeinsam im gleichen Zeitraum Themen zu besetzen, z.B. das Thema Unterrichtsausfall. Wenn dann viele mitmachen, hätte man eine Auflage von 20 bis 30 Millionen und wäre damit eine gewaltige Medienmacht, die man in dieser Form nirgendwo sonst vorfindet.

Wenn Sie nun zum Abschluss die Münchner Wochenanzeiger unseren Lesern in ein paar kurzen Sätzen beschreiben müssten – was würden Sie sagen?
Unsere Idealvorstellung ist ein Lagerfeuer, an dem man sich trifft und Geschichten erzählt. Im Wochenanzeiger findet der Leser nämlich genau das, was für seinen Stadtteil wichtig ist. Man kann so die großen Themen wunderbar auf das eigene Viertel und damit auf das Leben der Leser herunterbrechen. So gewinnen v.a. große politische Themen für die Leserschaft an Anschaulichkeit.IMG_2253

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Dezember 2014 von in Allgemein, Nachgefragt und getaggt mit , , , , .

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