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¡Viva España!

Über die Arbeit als Auslandskorrespondent, seine Liebe zu Spanien und geheime Reisetipps erzählt Jörg Rheinländer, Auslandskorrespondent der ARD, im Interview.

Von Melissa Raupach

Herr Rheinländer, Sie sind Auslandskorrespondent der ARD in Madrid. War das schon immer Ihr Traumjob?

Ja. Schon bevor ich beim HR gearbeitet habe, wollte ich unbedingt Korrespondent in Spanien sein. Da die ARD die Auslandsstudios nach Sendern aufgeteilt betreut, ergab sich schließlich die Möglichkeit, als TV-Korrespondent hier zu arbeiten. Denn der HR ist – wie praktisch – der zuständige Sender für dieses Studio.

Foto mit Mikro HRWie wird man eigentlich Auslandskorrespondent? Wie war Ihr persönlicher Werdegang?

Ich habe Germanistik und Politik in Marburg und Frankfurt studiert. Im Anschluss habe ich die handwerklichen Qualifikationen im Kompaktstudiengang an der Deutschen Journalistenschule in München erworben. Aus dem für diese Ausbildung notwendigen Praktikum heraus hat mich der HR sofort weiterverpflichtet, als Reporter für das Regionalmagazin Hessenschau. So habe ich zunächst als freier Mitarbeiter Fernsehen gemacht und zusätzlich noch für Zeitungen geschrieben und Hörfunkstücke produziert. Es folgten Stationen in der Tagesschau-Redaktion des HR, Moderationen – also Nachrichten – und Leitungsfunktionen, unter anderem als verantwortlicher Redakteur für die Hessenschau.

Wie lange sind Sie jetzt schon in Madrid tätig?

Seit Sommer 2012.

Wenn Sie sich ein Land hätten aussuchen können, hätten Sie dann auch Spanien gewählt?

Ja, immer. Ich bin davon überzeugt, dass man als Auslandskorrespondent nur dann wirklich interessante Beiträge liefern kann, wenn man selbst ein großes Interesse am Berichterstattungsgebiet hat. Deshalb hätte ich auch nie Korrespondent „irgendwo“ sein wollen – nur um Korrespondent zu sein.

Hatten Sie den Spaniern gegenüber Vorurteile? Wenn ja, sind diese bestätigt oder widerlegt worden?

Vorurteile – nein, hoffentlich zumindest. Urteile – ja. Viele Spanier sind für einen Deutschen in Maßen unorganisiert und immer bereit, wortreich und mit viel Zeit zu diskutieren, wo der Weg zum Ziel eigentlich kürzer sein könnte. Das hatte ich schon lange über meine privaten Kontakte nach Spanien erfahren. Und das hat sich in meiner praktischen Arbeit in diesem Land bestätigt. Es gibt da eindeutig kulturelle Unterschiede. Wenn man die nicht mag oder zumindest gelassen akzeptiert, ist man hier fehl am Platz.

Jetzt ein bisschen genauer über Ihre Arbeit vor Ort: Welche Länder umfassen Ihre Einsatzgebiete?

Spanien, Portugal, Marokko, Algerien und Tunesien.

Wie lange lässt die ARD einen den rasenden Reporter im Ausland spielen?

ARD-Korrespondenten-Verträge werden normalerweise mit einer Laufzeit von 3 Jahren abgeschlossen. Es gibt die Option, diesen Vertrag einmalig um 2 Jahre zu verlängern. Will heißen: Nach 5 Jahren ist – Ausnahmen bestätigen da die Regel – Schluss mit der Korrespondententätigkeit an einem Studiostandort.

Viele stellen sich die Arbeit als Auslandskorrespondent sicher spannend vor, dass Sie nur am Reisen und Drehen sind. Gibt es für Sie einen Arbeitsalltag? Und wenn ja, wie sieht der aus?

Hier kommt die Desillusionierung: Ja, es gibt auch einen Alltag. Auch Korrespondenten sitzen manchmal im Büro, recherchieren – der schönere075 Teil der Arbeit -, schneiden Beiträge aus Archiv- oder Poolmaterial oder erledigen den üblichen Bürokram, vom Reiseantrag bis zum Vorstellungsgespräch für die neue Sekretärin… Aber natürlich ist der Kern der Arbeit das Drehen und Schneiden von Beiträgen.

Gibt es auch mal Wochen, in denen Sie nichts zu tun haben?

Nichts zu tun – nie. Mit weniger Stress arbeiten als in Wochen, in denen Könige abdanken oder der Risikoaufschlag auf spanische Staatsanleihen jeden Tag als Fieberkurve der ökonomischen Krise aufgezeichnet werden muss – das ja.

Natürlich sind Sie während Ihres Einsatzes im Ausland sicherlich auch mal im Urlaub. Wer hält die Stellung, wenn Sie nicht da sind?

Wir sind zu zweit im Studio Madrid. Normalerweise legen wir unsere Urlaube so, dass der eine Korrespondent den anderen vertritt. Manchmal und bei Bedarf kommt zur Unterstützung ein weiterer Reporter aus Deutschland.

Von Ihrem Arbeitsalltag kommen wir jetzt zu den genauen Abläufen. Vielleicht erzählen Sie kurz etwas über den Prozess der Themenfindung. Schlagen Sie persönlich Themen vor?

Ich schlage Themen vor, die ich für berichtenswert und für das deutsche Publikum hinlänglich interessant halte. Deshalb senden wir vom Studio auch einmal pro Woche ein Angebot mit den aktuellen Terminen aus dem Berichtsgebiet an die Abnehmer in Deutschland. Und die Redaktionen in Deutschland beauftragen mich mit der Umsetzung von Themen, die sie gerne in ihren Sendungen sehen würden.

Wer entscheidet, was wirklich produziert und gesendet wird?

Die Redaktionen in Deutschland.

Kommt es vor, dass Sie auch mal etwas für die Tonne drehen, sprich etwas nicht gesendet wird?

Ja. Gerade im Aktuellen kann es passieren, dass Aktualität Aktualität schlägt. Das gehört dazu. Ist aber glücklicherweise selten der Fall.

DSC_0070Wo liegt für Sie der Fokus der Berichterstattung aus Ihrem Sendegebiet?

Für Tagesschau, Tagesthemen, Morgen– und Mittagsmagazin liegt der Fokus eindeutig auf politischer und wirtschaftlicher Aktualität. Für das Boulevardmagazin Brisant sind Königshaus und Skandale immer spannend. Und für Weltspiegel und Europamagazin ist Hintergründiges, das die Aktualität einordnet, von Bedeutung. Außerdem produziere ich einmal pro Jahr eine lange Reportage, die Land und Leute auch in schönen Bildern zeigt – zuletzt war das ein Film über die Azoren.

Sind Ihrer Meinung nach bestimmte Themen für die deutschen Zuschauer interessanter als andere?

Ich glaube, dass es eine Diskrepanz zwischen der Interessanz, ich bitte den Neologismus zu entschuldigen, für Zuschauer und der für Redakteure gibt. Ich glaube, dass Zuschauer auch mehr an Geschichten mit der Wirkung „Oh, das ist aber mal interessant“ ertragen würden, als dies bei den immer auf Relevanz – und zwar eigendefinierte und zumeist politische – ausgerichteten Bestellungen der Redakteure der Fall ist.

Wenn Sie der Programmchef der ARD wären und entscheiden dürften, was aus Ihrem derzeitigen Einsatzgebiet gesendet wird, was würden Sie auswählen bzw. worauf würden Sie gerne mehr den Fokus legen?

Ich würde zuallererst eine Dokumentation über die schier unendliche Korruption in Spanien ins Programm heben. Dazu könnte ich mir sehr gut kleine, unspektakuläre Alltagsepisoden in unseren langen Formaten vorstellen, etwa im Morgenmagazin – denn dadurch erfährt man sicher mehr über das Land, als in gestelzten, inhaltsfreien Auslassungen des Ministerpräsidenten.

Und zu guter Letzt: Haben Sie einen Reise-Geheimtipp für 2015?

Über die Azoren kann man nicht nur Filme drehen. Beeindruckende Landschaften. Uhren, die irgendwie noch anders gehen. Wale, Weine, Windjammer – ich würde die Inseln weit draußen im Atlantik auch jederzeit ohne Kamerateam und straffen Zeitplan besuchen und kann sie nur als Reiseziel empfehlen!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Februar 2015 von in Allgemein, Nachgefragt und getaggt mit , , , , , .
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