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Er ist eben kein Journalist

Vor einer Woche erschien ein mit Spannung erwartetes Video: LeFloids Interview mit der Bundeskanzlerin. Bilanz: über 3 Millionen Aufrufe und jede Menge Kritik.

Von Julia Anton

Damit geht LeFloid als erster Youtuber im Kanzleramt in die Geschichte ein. Er selbst sagt, er werde für das Interview nicht bezahlt. Ebenfalls besonders: die Fragen seien nicht vorher abgesprochen worden. Das halbstündige Video zählt fast dreimal so viele Aufrufe wie jeder andere Beitrag des Youtubers, der in seinem Format „LeNews“ zweimal die Woche mit seinen Zuschauern über Politik „schnackt“. Dabei fällt er vor allem durch klare Worte und seinen bissigen Ton auf.

Doch eben jener fehlte dem besonderen Interview: man ließ sich ausreden, bohrte nicht groß nach und arbeitete sich durch die zuvor unter dem Hashtag #netzfragtmerkel gesammelten Fragen. Viele Fans zeigen sich in den Kommentaren enttäuscht: „Gerade von dir, LeFloid, als Parteiloser mit einer doch schon recht starken Community im Rücken, hätte ich deutlich mehr erwartet.“, „Das war ein sehr schlechtes und unnötiges Interview“, „Bin echt enttäuscht von diesem „Interview“ habe mehr erwartet!“ sind noch die harmlosen Kommentare.

Obwohl sie LeFloid vorher als erhoffte Zukunft des Politik-Journalismus hypten, stiegen die etablierten Medien in die Schelte mit ein. Einen Überblick gibt der Kommentar-Überblick des Spiegels. Unjournalistisch und eingeschüchtert sei er gewesen, so der Tenor. Dabei diskutiert jedoch nur die FAZ die entscheidende Frage: Ist LeFloid überhaupt ein Journalist?

Der 27-jährige hat Psychologie und Rehabilitationspädagogik studiert. Es ist sein erstes wichtiges Interview, und dann auch noch bei der wortgewandeten Merkel. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier ein wenig Neid mitschwimmt. Die SZ gibt’s wenigstens zu: „Er hat geschafft, wovon viele politische Journalisten vergeblich träumen.“ Soso, da haben wir das Problem: Da dreht einer ein paar hektisch geschnitte Clips bei Youtube und darf ins Kanzleramt?! Bei der Zeit spricht man sogar abfällig vom Kinderfernsehen. LeFloid ist eben kein Journalist, wir hätten das viel besser gekonnt, ist die Botschaft, die man zwischen den Zeilen lesen kann.

Tatsächlich könnte LeFloid ein bisschen Nachhilfe in Sachen Interviewführung brauchen – die Kritik scheint aber ein wenig von oben herab zu kommen. Immerhin das Handelsblatt glaubt an den Youtuber und hofft, dass das Ganze nicht nur ein One-Hit-Wonder bleibt – schließlich hat LeFloid bereits „mit einem Schlag Hunderttausende Jugendliche erreicht und für politische Themen begeistert“ und gezeigt „das Youtuber“ ein „ernst zu nehmender Bestandteil der Medienszene sind“.

LeFloid selbst rechnete diesen Dienstag mit den Profijournalisten ab – neben dem Mittelfinger gab es noch einen Macht’s-doch-erstmal-besser-Seitenhieb: „wohl die ganzen heftigen und weltverändernden Enthüllungen über Merkel in letzter Zeit durch echte Journalisten verpasst“. Klar, dass die meisten Medien wie die FAZ auch darüber berichten – sich selbst zählt man aber nicht zu den erwähnten Profijournalisten. Bei der Süddeutschen Zeitung und der Zeit hingegen ist man still.

Über Julia Anton

22, 55. Lehrredaktion an der DJS/LMU.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Juli 2015 von in Allgemein, Aufgefallen und getaggt mit , , , , , , , , , .
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