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Leere Nacht

„Print/Online/Digital – Wie sich die Zeitung verändert“: Die „Nacht der Autoren“ hätte spannend werden können. Hätte. Wenn der Chefredakteur vorbereitet gewesen wäre.

Von Michael Meyen

Nein, er werde nicht mit Julia Bönisch reden, sagt Wolfgang Krach gleich zu Beginn der Runde im Gloria Palast. Heute seien die Leser dran. Die Kollegin sehe er schließlich oft genug. Puh. Was sagt die Leserin, wenn Chefredakteur und stellvertretende Online-Chefin auf einer Kinobühne sitzen und fragen? Erstmal nichts. Es gibt kein Mikro im Saal und das Licht blendet. Krach und Bönisch wie im Nebel. Kein Leser zu sehen von da oben.

Als endlich die ersten Stimmen kommen, wird klar, warum selbst diese tollen Leser, auf die die Zeitung doch ach so stolz ist, ein bisschen Input gebraucht hätten. Zu lang seien sie, die Artikel im Blatt. Mmh. Kann die SZ eigentlich eine europäische Öffentlichkeit herstellen, zusammen mit dem Guardian und El Pais? Thema verfehlt, setzen.

Es wird aber noch schlimmer. Ein Mann wünscht eine Kompaktausgabe („Mehr als 30 Minuten habe ich nicht“), ein anderer beklagt die vielen Fehler in Berichten über das, womit er sich auskennt („Ich will mich doch auf meine Zeitung verlassen können“), und schließlich steht jemand auf und verliest ein Referat, so richtig mit Karteikärtchen. Die SZ-App, die sei toll. Besser als FAZ und Zeit, die er jetzt gar nicht mehr auf seinem Laptop habe. Herr Chefredakteur, Sie haben da ein neues Medium geschaffen. Leider noch ohne Fernsehprogramm und ohne Todesanzeigen, aber immerhin.

Wolfgang Krach kann zu all diesen Sachen etwas sagen. Natürlich. Er und sein Kollege Kurt Kister, tja. Wenn es nach ihnen beiden ginge. Dann wären die Texte kürzer, und Fehler würde es auch keine geben. Jedenfalls nicht bei Zeichensetzung und Grammatik.

Ein bisschen geht es dann doch noch um das, was im Programm stand. Um die Bezahlschranke, die die Süddeutsche im Internet hochgezogen hat. Um Klickzahlen, Verweildauer und Themenauswahl. Um Videos, die andere schon deshalb haben, weil sie zu einem TV-Haus gehören. Und überhaupt: um den Journalismus in zehn, 15 Jahren. Wolfgang Krach und Julia Bönisch kommen mit ein paar Zahlen davon und mit Plattitüden. Das Korrespondentennetz, die Qualität, Exklusivität als Markenzeichen. Journalismus first und so. Egal, was gerade geklickt wird. Acht Millionen unique user habe das Portal im Monat. Ob das viel ist? Weniger als in der Vor-Paywall-Zeit oder eher mehr?

Wolfgang Krach sagt, man hätte längst auch im Netz Geld nehmen sollen. Die anderen Verlage würden genau beobachten, was die SZ mache, und sich jetzt ermutigt fühlen. Vielleicht hätte er vorher beobachten sollen, wie die anderen Ressorts so eine „Nacht der Autoren“ angehen. Christian Mayer, Nico Fried und Friederike Zoe Grasshoff zum Beispiel, die witzige Kolumnen aus dem Gesellschaftsressort lesen und tolle Fotos dabei haben. Oder die Jungs vom Sport (Claudio Catuogno, Thomas Kistner), die alles über Sepp Blatter wissen und dafür viel zu wenig Zeit haben. Sich einfach hinsetzen und gucken was passiert: Das funktioniert auch dann nicht, wenn man Chefredakteur ist und ein spannendes Thema hat.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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