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Optimismus oder Realitätsverlust?

Merkels „Wir schaffen das!“ sollte Zuversicht hervorrufen, ist aber angesichts der allgemeinen Überforderung auch leicht angreifbar. Die Medien und das soziale Netz reagieren auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin erhitzt und ratlos.

Von Sophia Kleiner

Die Welt vom 27.10.2015

Die Welt vom 27.10.2015

Eine Frau mit Topfhaarschnitt lehnt sich aus einem LKW. Frech, selbstbewusst – jemand, der auch anpacken kann. Dazu der Slogan: „das schaffen wir!“. Merkel in jungen Jahren auf einem Plakat? Das von der Welt aufgegriffene SED-Plakat zeigt zwar nicht unsere Bundeskanzlerin, ihre Ähnlichkeit mit der jungen Frau lässt sich jedoch nicht von der Hand weisen. Und auch der Slogan kommt bekannt vor. „Wir schaffen das!“, hatte Merkel Anfang September zum ersten Mal in Bezug auf die Flüchtlingskrise gesagt und seitdem immer wieder bekräftigt.
Der Gag ist der Welt zweifellos gelungen, aber alles weitere klingt verbittert. Henryk M. Broder zieht Parallelen zwischen Merkels Optimismus in der Flüchtlingskrise und dem einstigen hoffnungslosen Optimismus des DDR-Regimes. Merkel regiere im Stil eines Feudalfürsten. Der Bundeskanzlerin drohe mit ihrem utopischen Vorhaben das Scheitern – und damit auch der gesamten Bundesrepublik der Niedergang. Eine pessimistische Sicht.
CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach spricht gegenüber dem Stern von einem Amoklauf (Stern, 08.10.2015). „Merkel allein zu Hause“, titelt der Stern (Stern, 08.10.2015). Der kleine Kevin und Merkel: zwei überforderte, aber letztlich erfolgreiche Einzelkämpfer? Die Flüchtlingskrise werde zur Bedrohung für die Kanzlerin, schreibt der Stern. Der Erfolg ihrer Flüchtlingspolitik – auch von Seiten der Medien kaum einzuschätzen. Aber ist Merkel wirklich auf Alleingang? Läuft ihre Flüchtlingspolitik aus dem Ruder? Merkels Optimismus stehen viele Zweifler gegenüber. Auch wenn nach einer wenig später veröffentlichten Umfrage des Sterns zufolge die deutliche Mehrheit der CDU-Mitglieder hinter der Kanzlerin steht (Stern, 22.10.2015), zeugen nicht zuletzt hitzige (Nutzer-)Kommentare von einer Spaltung in der Gesellschaft. Unter vielen Artikeln zum Thema Flüchtlingen ist die Kommentarfunktion inzwischen gesperrt. „Wir schaffen das!“ Merkel droht der Verlust der Mitstreiter – besonders auf europäischer Ebene, aber auch in den eigenen Reihen. Das ehrenamtliche Engagement Tausender Münchner am Hauptbahnhof – vielleicht nur ein „Sommermärchen“ (Stern, 08.10.2015)?
Die Frage nach dem wie in der Flüchtlingspolitik bleibt auch in den Medien weitgehend unbeantwortet. Über Merkel scheint ein drohendes Damoklesschwert zu hängen. Der SZ-Redakteur Heribert Prantl fordert Pragmatismus. Nach dem Motto: erst einmal anpacken. Prantl sieht die enorme Welle der Hilfsbereitschaft im vergangenen Sommer nicht als einmaliges „Gutmenschentum“, sondern als beispielhaften „Münchner Elan“ an. „Wir schaffen das!“ – vielleicht doch kein Zeichen eines völligen Realitätsverlusts der Bundeskanzlerin? Prantl gibt konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik. Allerdings sind dies hoch gesteckte Ziele, die wohl kaum in den nächsten Jahren zu realisieren sind.
Ebenso wird es vermutlich leichter sein, Merkels Flüchtlingspolitik in einigen Jahrzehnten zu beurteilen. In den Medien sind eher blumige Metaphern und Anspielungen zu lesen als konkrete Meinungen und Handlungsalternativen. Medienschaffende zeigen sich skeptisch und ratlos. Wünschenswert wären mutige, richtungsweisende Stellungnahmen, die Prozesse vorantreiben.

Über Sophia Kleiner

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2 Kommentare zu “Optimismus oder Realitätsverlust?

  1. Anja
    3. November 2015

    Endlich einmal ein toller Artilel zum Thema zweigespaltenes Deutschland/ Flüchtlingspolitik! Sehr schade das in den meisten Berichten nur einseitig berichtet wird.. Wo doch mittlerweile offensichtlich ist das nicht alle einer Meinung sind.

    • Sophia Kleiner
      16. November 2015

      Danke, das freut mich!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. November 2015 von in Allgemein, Gelesen und getaggt mit , , , , .

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