Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

SZ Espresso – oder eher SZ Latte Macchiato?

Wie ein starker Kaffee Morgenmuffel in die Gänge bringt, so sollen die kurzen Nachrichten-Updates den Nutzer in Sachen News fit machen. Funktioniert das Modell?

Von Laura Kirsner

SZ Espresso

Die Süddeutsche Zeitung bewirbt ihre neuste Innovation mit einprägsamer Bildsprache. Morgens und abends werden die wichtigsten Meldungen direkt aufs Smartphone geschickt, dazu kommen wichtige Eilmeldungen. Einmal überfliegen und man weiß, was die Welt bewegt. Einmal klicken, und der dazugehörige Artikel erscheint auf dem Display. Dabei verspricht die SZ auf ihrer Website, dass man sich wirklich keine Sorgen ob des Abos zu machen brauche. Sie würde einen schon nicht mit Pseudo-Nachrichten überfluten. Website SZ Espresso

Eines war mir sofort klar: Das will ich haben. Also eigene Nummer hochgeladen, den SZ Espresso Kontakt gespeichert, und es kann losgehen. Ganz am Anfang bekam ich nur die harten Fakten auf den Bildschirm: „Ihr Morgen Briefing“ und „heute wichtig“ lauteten die ersten Zeilen, danach fünf bis sechs News, nur durch Querstriche getrennt. Das kann ich mir sogar an der Ampel oder zur Stoßzeit im Stau schnell zu Gemüte führen. Aber der SZ Espresso ist inzwischen eher zum SZ Latte Macchiato mutiert. Mehr Inhalt, und dieser verfeinert mit fluffigem Schaum. Denn seit kurzem wird der Nutzer immer tageszeitgerecht begrüßt, und der jeweilige Verfasser wünscht einem zum Schluss der überdisplaylangen Nachricht höchst individuell entweder einen guten Start in den Tag oder einen schönen Feierabend, beste Grüße dürfen selbstverständlich nicht fehlen.SZ Espresso Screenshot Mir wirkt das fast ein bisschen zu persönlich, ich lese die SZ doch nicht aufgrund der netten Redakteure, sondern wegen der qualitativ hochwertigen Reportagen. Aber die Nachrichten werden auch übersichtlicher – und immer länger. Statt einzelner Schlagwörter lassen sich die Redakteure zu vollständigen Sätzen hinreißen, immer öfter auch zu mehreren pro Schlagzeile. Welcher Journalist hält das auch lange durch, Schlagworte kann man nun wirklich nicht mehr als „schreiben“ bezeichnen. Und auch ich werde morgens von einem Espresso nicht wirklich satt, der betäubt nur kurz die Magennerven. Mindestens mit Milch muss er sein, am liebsten aber in Kombination mit Semmel und Marmelade. Inzwischen muss man, dem Himmel sei Dank, für alle Informationen wieder scrollen. Fast so, als würde man einen richtigen Artikel lesen. Keine Frage, das Konzept gefällt mir. Der vielbeschäftigte Nachrichtenkonsument von heute muss sich um eine Sache weniger kümmern, zumindest die Informationsbeschaffung wird ihm abgenommen. Und es ist wirklich praktisch. Da sitze ich in der U-Bahn, und überlege, wo ich mir am besten noch schnell einen Coffee-To-Go beschaffen kann, und plötzlich piepst mein Handy – das Informations-Heißgetränk wurde geliefert.

Aber man wird auch bequem. Wozu noch danach suchen, wenn man die News frei Handy bekommt. Hier stellt sich dem Medienschaffenden von morgen die Frage: kann das wirklich funktionieren? Kann sich eine viele Seiten dicke Zeitung auf ein paar Sätze reduzieren? Und braucht der Durchschnittsmensch von heute wirklich nur diese paar Informationen, um zu wissen, was wichtig ist? Wer entschiedet eigentlich, was zu den wirklich wichtigen Dingen gehört, und was als Pseudo-Nachrichten abzutun ist? Immerhin kennt man die Namen der beteiligen Journalisten. Es wäre bestimmt interessant, den Dienst aus deren Sicht zu entdecken. Alles in allem ersetzt SZ Espresso eine Tageszeitung nur bedingt, ein schneller Kaffee ersetzt ja auch kein vollwertiges Frühstück. Denn unterm Strich bestehen hier die weltbewegenden Nachrichten eben nur aus Neuigkeiten, es zählen ganz eindeutig schnelle Informationen und nackte Tatsachen. Gut recherchierte Reportagen, feuilletonistische Artikel und allgemein alle (kultur-)journalistischen Beiträge, die nichts mit dem aktuellen Tagesgeschehen zu tun haben, bleiben dabei auf der Strecke. Das ist schade, machen doch diese eine gute Tageszeitung für mich erst aus. Wer jedoch einfach nur informiert sein will, oder den Dienst ergänzend nutzt, für den ist SZ Espresso eine gute Sache. Für mich ist der kleine Schwarze inzwischen wie die Kaffeepause am Vormittag – ein liebgewonnenes Ritual. Semmel mit Marmelade gibt’s für mich trotzdem.

Über Laura Kirsner

Seit ich denken kann verschlinge ich fast alle Bücher, die ich in die Finger bekomme. Aber auch Soziale Netzwerke, diverse Frauenzeitschriften, SZ und FAS, unterhaltsame Filme und auch gerne mal Trash-Fernsehen sind meine Leidenschaft. Eben eine bunte Mischung aus allem, die perfekte Balance aus Anspruch und Unterhaltung. Denn vor allem langweilig soll's nicht werden.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. November 2015 von in Aufgefallen und getaggt mit , , , , , , .

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