Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Overkill in den Medien

Ukraine-Krise, Griechenland-Krise, Flüchtlingskrise. Einheitliche Berichterstattung bis zum Umfallen. Resignation. Langeweile. Wird der Medienauftrag verfehlt? Abhilfe erwünscht!

Von Sophia Kleiner

„Ja, man nennt es wohl den Overkill. Weil man gar nicht so viel fressen kann, wie man kotzen will!“, singt Daniel Wirtz. Und ich singe laut mit. Jeden Morgen. Bald werden sich noch die Nachbarn beschweren.
Morgens eine gute Zeitung – für mich ein Muss. Das macht mir das Aufstehen erträglich. Aber das war einmal. Ich bin jetzt dazu übergegangen, Musik zu hören. Denn vom Zeitung lesen werde ich nur noch selten wach. Warum? Es kommt einfach nichts Neues. Ermüdend. Wir hatten die Ukraine-Krise. Wir hatten die Griechenland-Krise. Und jetzt haben wir die Flüchtlingskrise. Endecken Sie die Monotonie? Ja, ich auch! Zunächst verschlinge ich jeden Beitrag zur aktuellen Krise. Nerve mein Umfeld damit, dass ich alles, was ich gelesen, gesehen, gehört habe, nacherzähle. Aber dann ist der Punkt erreicht, an dem ich satt bin. Nein, meine Frühstückssemmel meine ich nicht damit. Austauschbare Berichterstattung. Zu viel des Guten. Overkill erreicht.
Ein hitziger Kommentar – die Ausnahme. Leider! Pluralistisch, weltoffen, visionär: so sieht eine Zeitung nach meinem Geschmack aus. Doch wo bleibt der journalistische Idealismus? Wer schreibt aus Überzeugung? Wer schwimmt mit? Lieber Meinungen, die ich nicht teile als gar keine Meinungen. Ob wir Flüchtlinge integrieren, zeigen wir durch Taten. Und nicht durch redundante – wenn auch gut gemeinte – Worte.
Der Soziologe Niklas Luhmann sagte: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“. Beängstigend? Nur wenn Medienschaffende nicht ihrem Auftrag nachkommen: einer umfassenden Berichterstattung. Heute Thema des Tages in der SZ: Unruhen in Ostafrika. Wer hätte das gedacht? Bravo SZ! Es geht also doch! Einheitsbrei – muss nicht sein! Klar, auf Seite eins stand ein Artikel zur Flüchtlingskrise. Aber die aktuelle Krisenberichterstattung soll schließlich nicht ausbleiben, sie soll nur abwechslungsreich sein.
An alle Journalisten da draußen: mehr Mut zum Unerwarteten! Lieber Nicht-Gefallen als Langweilen! Dann kann ich endlich wieder Loblieder singen. Ich werde es Euch danken – und meine Nachbarn auch.

Über Sophia Kleiner

Nachrichten verschlingen... Unbequeme Fragen stellen... Den Mund aufmachen... Über das, was mich bewegt, schreiben...

3 Kommentare zu “Overkill in den Medien

  1. Kevin Brandt
    11. November 2015

    Ich erkenne keine Monotonie. Oder sind der Krieg in der Ukraine, die katastrophale wirtschaftliche Situation in Griechenland oder die humanitäre Krise aufgrund von Bürger*innenkriegen, totalitären Regimen oder Armut im Nahen Osten und Afrika dasselbe? Die Monotonie gibt es vielleicht bei der Bezeichnung „Krise“. Da stimme ich zu, aber ich glaube, darum geht es dir nicht, sonst würdest du das Wort nicht so oft selbst verwenden – außer du meinst die Verwendung ironisch. Thematisch stimme ich nicht zu.

    Warum wirst du denn satt? Bietet die Berichterstattung zum Thema Flucht und dem Umgang mit Geflüchteten nicht wahnsinnig viele Aspekte? Fast täglich dreht sich das Rad weiter, Neues kommt hinzu, Verhalten und Aussagen müssen analysiert werden, interpretiert. „Overkill“ hört sich für mich so an, als würdest du gerne zum nächsten Thema übergehen. Morgen gibt es da eine Pause, die Zeitungen werden voll sein mit Erinnerungen an Helmut Schmidt. Das Internet ist es schon. Willkommene Abwechslung oder monotone Berichterstattung?

    Ich liebe sie auch, die ehrgeizigen Kommentare, sie bringen die Ereignisse in einen Kontext. Sie offenbaren die Konfliktlinien. Sie erzählen, wer für welche Lösung oder Interpretation steht. Und ich lese sie jeden Tag. Nicht in einer Zeitung aus allen Perspektiven. Wir müssen uns die Frage stellen, ob eine einzelne Zeitung das überhaupt leisten kann, alle Neuigkeiten im Streitgespräch abzubilden. Eine Nachricht beinhaltet ja durchaus die Darstellung sowohl von Für- als auch von Widersprecher*innen. Aber das ist das Schöne am Internet: Von der Jungen Welt bis zur Jungen Freiheit ist alles dabei. Inwiefern schwimmen dir zu viele Autoren – ich nehme an: im Mainstream – mit?

    „Ob wir Flüchtlinge integrieren, zeigen wir durch Taten. Und nicht durch redundante – wenn auch gut gemeinte – Worte.“ Das greift mir zu kurz. Müssen wir, also du und ich und unsere anderen Mitbürger*innen, Geflüchtete integrieren oder muss zuallererst die Politik die Voraussetzungen dafür schaffen, ja: Ist es unsere Aufgabe zu integrieren oder die des Staates? Zumindest ist es ein wahnsinnig komplexes Wechselspiel, das aber ohne Kommunikation gar nicht möglich ist. Und ich finde, damit sprichst du Medien ihre Funktion für die Gesellschaft ab. Was sollen Medien sonst machen, als darüber zu reden? Woher weiß ich, ob wir die Schleuser*innen abhalten sollen oder nicht, ob die Geflüchteten aus Syrien wirklich fliehen oder ob sie nur illegal einwandern wollen, ob eine Horde junger islamischer Männer unsere Kultur bedroht oder nicht, kurz: mit welchen Taten ich auf die Ereignisse reagieren soll? Wenn die Medien darüber nicht sprechen würden, weil sie gerade in Übertragungswagen Menschen über die Grenze schleusen oder auf eigene Faust versuchen, den Grenzübertritt zu verhindern, wüsste ich gar nicht, welche Partei ich wählen soll, damit meine Meinung in Politik übersetzt wird. Wie kann ich handeln, ohne die verschiedenen Handlungsoptionen vorher kennengelernt zu haben?

    Zuletzt wieder die einheitliche Berichterstattung. Ich empfinde es gar nicht so wie du. Ich lese jeden Tag etwas anderes, auch mal mehr vom selben, aber immer interessant. Allein die verschiedenen Ressorts mischen die Berichterstattung durch. Und jede Zeitung setzt eigene Schwerpunkte, greift diesen Aspekt heraus und vernachlässigt einen anderen. Die taz bespricht andere Themen im Gesellschaftsteil als die FAZ. Wie sähe für dich eine abwechslungsreiche „Krisen“berichterstattung aus? Und ich finde, wir sollten bei Medienkritik uns davor hüten, alle Medien über einen Kamm zu scheren, indem wir nur die „Medien“ in ihrer Gesamtheit kritisieren. Ich glaube, damit werden wir der sehr differenzierten Medienlandschaft Deutschlands nicht gerecht. Dein Kommentar hört sich dementsprechend auch eher nach einer SZ-Kritik an. Oder hattest du mehrere Tageszeitungen zum Vergleich vor dir liegen?

  2. Sophia Kleiner
    11. November 2015

    Lieber Kevin Brandt,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Leider hast du mich inhaltlich falsch verstanden und an einigen Stellen einen falschen Bezug hergestellt. Vermutlich hast du auch die Form nicht erkannt: es handelt sich um eine Kolumne. Form und Inhalt – den Unterschied muss man eigentlich nicht erklären.
    Zunächst habe ich ausdrücklich in meinem Artikel erwähnt, dass ich es wichtig finde, zu aktuellen Krisen informiert zu werden (siehe: „Klar, auf Seite eins stand ein Artikel zur Flüchtlingskrise. Aber die aktuelle Krisenberichterstattung soll schließlich nicht ausbleiben“). Der Umfang hilft allerdings nicht bei der Problemlösung. „Glaubst du wirklich viel Blabla hilft [bei der Integration] viel?“, höre ich auch oft von einem befreundeten Flüchtling.
    Wie du auf dem Beitragsbild erkennst, bin ich eine Leseratte und verschlinge verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Die SZ habe ich lediglich als gelungenes Beispiel hervorgehoben. Denn die SZ wendet sich nicht nur der Flüchtlingskrise in Deutschland, sondern den Krisen weltweit zu.

    • Kevin Brandt
      12. November 2015

      Ja, leider reden wir aneinander vorbei.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. November 2015 von in Allgemein, Gelesen und getaggt mit , , , .

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