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Spectre – Ode an die Vergangenheit. Eine Filmkritik.

Weiße Kugeln wandern über die Kinoleinwand, DAS Lied spielt im Hintergrund, ein Mann mit Pistole schießt, bevor sich das Bild blutrot färbt. Er ist wieder da: James Bond.

Von Julia Hanigk

Im Vorfeld war die Aufregung groß; die deutschen Medien überschlugen sich: Er ist da, der finale „Trailer zu Spectre – und der macht gehörig Lust auf mehr!“ titelte der Focus. Doch kaum ist der lang ersehnte Streifen in den deutschen Kinos zu bestaunen, scheint die Bewunderung herber Enttäuschung zu weichen. „Zuweilen könnte man es schon lieblos nennen, was Craig da veranstaltet. Der geniale Anti-Held aus Skyfall fällt zurück auf alte Klischees, die sich seit Beginn der Bond-Filmreihe vor 53 Jahren bewährt haben“, kritisiert der Stern. Und ich stimme zu.

Als ich 12 war, hat mein Vater mit mir angefangen, James Bond-Filme anzuschauen, einen nach dem anderen. Jeden Abend. Bis keiner mehr übrig war. Seitdem zieht er mich an, dieser britische Geheimagent, der mit seinem Charme und seiner Treffsicherheit scheinbar alle Probleme der Welt lösen kann. Aber diesmal war etwas anders, als ich gleich am zweiten Kinotag in meinem Sessel saß – diesmal fehlte etwas. Keine Frage, dass unser geliebter 007 kaum etwas an der erwähnten Treffsicherheit eingebüßt hat, bringt er doch gleich in der ersten Filmsequenz ein Gebäude in Mexiko-Stadt zum Einsturz. Jenen Charme jedoch, den ich sonst so bejubelt hatte, konnte ich in diesem Film nicht finden. Ja, Daniel Craig verleiht Bond Verletzlichkeit und Persönlichkeit durch Vergangenheit. Und auch der FAZ mag ich zustimmen, wenn sie schreibt: „breite Schultern, starker Nacken, aber trotzdem Hirn. Allen anderen in diesem Fach hat Daniel Craig indes etwas voraus: die schönsten Auftragsmörderaugen aller Zeiten und eine Ober-und-Unterkiefer-Kombination, die selbst in Ruhestellung aussieht, als hätte sie gerade ein Bündel Eisenbahnschienen durchgebissen“.

Doch Spectre fehlt die Seele. Es scheint, als seien Regisseur Sam Mendes nach dem Feuerwerk Skyfall die Ideen ausgegangen: Ein knallharter Bösewicht mit Metallnägeln, erinnert das nicht an „Beißer“ aus  Der Spion, der mich liebte (1977) und Moonraker – streng geheim (1979)? Das Bondgirl, das am Ende gefesselt dasitzt und gerettet werden muss – hatten wir das nicht schon mal? Eine Klinik in den Bergen – war da nicht mal was? Die wunderschöne Frau, die am Ende fragt, ob Bond nicht vielleicht aufhören möchte – kennen wir das nicht? Daniel Craig ist eben kein Roger Moore und das wollte er eigentlich auch nie sein – wieso also jetzt die Nostalgie? Sonst wurden, wie die FAZ schreibt, „nostalgische Lebemännchen und von Autojahrgängen oder Weindesign besessene Geschmäckler“ doch auch eher „routiniert abgefertigt als servil bedient“. Wieso der Rückschritt jetzt in Spectre?

Jedem sei sein eigenes Urteil gegönnt, doch mir fehlen sie, der Humor, der Charme, die Ironie. Bei alten Mustern müssen sie einem neuen „Weltschmerz“ (SZ) des Hauptdarstellers weichen.

Eine Sache hat er allerdings perfekt initiiert, dieser Sam Mendes: Den Abschied eines Bonds, der die Person an sich neu erfunden hat. Ein Lebewohl eines Geheimagenten, der im Aston Martin und mit der Traumfrau auf dem Beifahrersitz davonbraust.

Über Julia Hanigk

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. November 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , , , , .
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