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Dieser Weg wird steinig und schwer

Kein Soulsänger ist hierzulande so erfolgreich wie er: Xavier Naidoo. Die Entscheidung, ihn für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) antreten zu lassen, liegt also nahe. Problem ist nur, dass der NDR seinen Künstler vorher wohl nicht genauer unter die Lupe genommen hat, der Medienaufschrei über persönliche Vorlieben und Abneigungen des Künstlers ist groß. Fazit: Stelle wieder unbesetzt; Ersatz mit reiner Weste gesucht!

Von Julia Hanigk


Was für eine Achterbahnfahrt: Nachdem am letzten Donnerstag öffentlich wurde, dass der deutsche Soulsänger beim ESC antreten sollte, dauerte es keine 48 Stunden, da war’s damit auch schon wieder vorbei.

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Im letzten Jahr endete der Wettbewerb mit null Punkten und dem letzten Platz eher im Debakel als im Erfolg – das wollte die ARD diesmal verhindern. Mit diesem erfolgreichen Musiker hatte sie dafür sicher auch eine gute Wahl getroffen. Ein sehr entscheidendes Detail wurde aber leider übersehen: das Publikum. „Die Reaktion der hiesigen ESC-Gemeinde, die sich im Internet binnen Stunden darauf verständigte, dass Naidoo ein unwürdiger Kandidat sei: vermeintlich Rassist, schwulenfeindlich, antisemitisch, rechtsradikal“. – „Wer im öffentlichen Diskurs mit derlei Zuschreibungen eingedeckt wird, fängt bei unter null an, mögen sie zutreffen oder nicht“, schreibt die FAZ . Ein wahres Wort.

Aber woher stammen die Anschuldigungen? Ein Video des Focus erklärt dies gut: Xavier Naidoo leugnete 2011 in einem Interview mit dem ARD Morgenmagazin die Existenz der BRD, da diese immer noch ein besetztes Land sei, und schloss sich damit den Ansichten der sogenannten Reichsbürgerbewegung an. In einem Lied singt er konkret über seine Abneigung gegenüber Schwulen. Kein Wunder also, dass das nicht so ganz die Werte vermittelt, mit denen sich Deutschland bei einem solchen Wettstreit präsentieren möchte. Stichwort geschichtliche Vorbelastung…

Erst ging man von diesem heftigen Gegenwind als Grund für die Rolle rückwärts der ARD aus – der Stern weiß aber anderes zu berichten: Es geht um „40 erzürnte ARD-Mitarbeiter, die ihren Unmut in einem Brandbrief bekundet haben sollen“. Text angeblich unter anderem: „Diese Entscheidung beschädigt das Ansehen der ARD und damit unser aller Arbeit nachhaltig“. Aufgeworfen wurden diese Gerüchte – wie könnte es anders sein – von der Bild. Xavier Naidoo blieb nur noch das resignierte Einverständnis und der schnelle Nachschub: „Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst“. Es handle sich um eine einseitige Entscheidung der ARD.

Aber nicht nur der Musiker kämpft jetzt verstärkt um eine gute Außenwirkung und lässt die Köpfe seiner Berater rauchen, nein. Auch die ARD bekommt ganz schön ihr Fett weg. Schließlich ist deren Rückgrat durch dieses Hin und Her stark in Frage gestellt worden. „Diese Nominierung war instinktlos, von Anfang an. Aber was jetzt geschieht, ist eigentlich noch abenteuerlicher. Da merken die öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher, dass ihre Wahl eine seltsame war, da bekommen sie Widerstand aus allen Netzwerken – und sagen: Na, dann fährt er halt nicht. Sie fallen einfach um. Lassen Naidoo allein“, kommentiert der Chefredakteur der DuMont-Verlagsgruppe, Jochen ArntzDie FAZ setzt noch einen drauf und ordnet die ARD in die Sparte kann „Kritik nur schwer“ aushalten und hängt „ihr Fähnchen gerne nach dem Mainstream“ ein.

Ungeklärt bleibt bei all dem Hickhack aber die Frage, was jetzt zu tun ist. Die Bild startet schon einmal eine Leserumfrage zur Nachfolge Naidoos. Der Spiegel schickt Anne-Sophie Mutter, Helene Fischer, Heino, Deichkind oder Bushido ins Rennen. Wie immer man die Erfolgschancen dieser Kandidaten persönlich auch einordnet, recht hat die Zeitschrift mit der Mahnung zur „bedachteren Auswahl“ sicherlich.

Generell bleibt der Leser bei diesem Tumult etwas ratlos zurück. „Bloße Medienhysterie“ höre ich von meinen Freunden. Oder „typisch deutsch!“. So unrecht haben sie damit wahrscheinlich nicht – nach den Anschlägen in Paris und so vielen negativen Hard News nehmen die Medien sicher dankend ein anderes Thema auf, das Aufmerksamkeit verspricht. Wie schnell und perfekt öffentliche Diskreditierung funktionieren kann – das durften wir live miterleben. Der Nachfolger braucht jetzt eine blitzeblanke Weste und das OK der Zuschauer. Ohne Zweifel: Dieser Weg wird steinig und schwer.

 

Über Julia Hanigk

Leseratte, Serienjunkie, Kinostammgast und die aktuellen News immer dabei - auf dem Smartphone oder unterm Arm. Vor mir ist nichts sicher!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. November 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , , .
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