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Parodien erlaubt?

Böhmermanns Ich hab Polizei spaltet die Medien: Veralberung von Randgruppen und/oder Polizeikritik? Darf Böhmermann das überhaupt? Ja, wenn Rap Kunst ist.

Von Sophia Kleiner

Jan Böhmermann, "Ich hab Polizei"

Jan Böhmermann, „Ich hab Polizei“

„Nix Hurensohn, Polizistensohn mein Schatz! Ich owne Polizei, denn ich zahl Höchststeuersatz. 5 Tonnen Koks in der Asservatenkammer […] Ich hab Polizei. Ich hab, ich hab Polizei“, rappt Medien-Allrounder Jan Böhmermann in seinem neusten Clip. Gangster-Rap? Wohl kaum. Polizistensohn, Höchststeuersatz und Komplize Polizei verraten: eine Parodie. Und dazu noch eine ziemlich lustige – wenn man Böhmermanns „Rap“ als Scherz versteht. In nicht einmal einer Woche hat der Clip beinahe fünf Millionen Klicks auf Youtube erreicht. Böhmermann hat es wieder einmal geschafft, die Medien zu beherrschen – Kritik bleibt da natürlich nicht aus.

Posen, Mimik, Gestik und Slang: perfekt imitierter Gangsta-Rap von Böhmermann unter dem Pseudonym POL1Z1STENS0HN. „Nachdem man sich Ich hab Polizei von POL1Z1STENS0HN a.k.a Jan Böhmermann angesehen hat, wird man nie, nie wieder ein echtes Haftbefehl-und-Co-Video ernst nehmen können […]. Deutscher Gangster-Rap ist dann Geschichte“, schreibt die SZ. Ein voreiliger Schluss. Der Autor hätte lieber nur für sich sprechen sollen. Denn die Rap-Community ist groß, und die Kritiker lassen nicht auf sich warten.

„Das, was du und deine Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen da machen, ist einfach nur standesgemäße Überheblichkeit. Das Bildungsbürgertum schlägt zurück: Jeglichen Inhalt in den Texten ignoriert ihr vollkommen und macht euch nur noch über die Form lustig. Ihr verarscht Leute, weil sie weniger Bildung haben, weil sie weniger Geld besitzen und weil sie gesellschaftlich unter euch stehen. Das ist schon ganz cool“, sagt Hip-Hop-Journalist und Gründer des Labels Royal Bunker Marcus Staiger. Fakt ist: Die Veralberung von unterpriveligierten Randgruppen ist in einer demokratischen Gesellschaft fehl am Platz. Aber ist Haftbefehls Sprachduktus wirklich ein Minderheitenphänomen? „Diese Argumentation [..] vergisst dabei, dass der Verzicht auf Präpositionen und Bezüge („Ich hab Polizei“) längst in die gesamte Gesellschaft und ihre Umgangssprache eingezogen ist“, schreibt die Zeit. Stichwort: Jugendsprache. Das SZ Magazin: „Kein Mensch kann behaupten, das sei das Deutsch von Menschen, die gezwungen wären, so zu sprechen“. Dafür spricht: Viele der deutschen Rapper – zum Beispiel Haftbefehl – sind in Deutschland geboren, Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache sind da eher unwahrscheinlich. Haftbefehls Sprache – ein Stilmittel? Kunst? Die Zeit: „Wenn man also die Sprache und Artikulation, wie Haftbefehl sie pflegt, als Kunst anerkennt, bedeutet das ebenfalls, dass sie genauso parodiert werden kann.“ Auch Staiger & Co würden Rap wohl kaum den Kunststatus absprechen. Konsequenz: Böhmermann darf!

Kunst hängt aber auch immer vom Auge – bzw. den Ohren  – des Betrachters ab. Das zeigt Juri Sternburgs Kritik: „Seine [Böhmermanns] Haftbefehl-Parodie POL1Z1STENS0HN ist […] der Soundtrack für die feuchtfröhlichen Bullenpartys der nahen Zukunft.“ Tatsächlich? Zeilen, wie „Pfefferspray in Auge, Arm verdreht, Polizei hat Spaß. Und das allerbeste ist: Polizei darf das!“ bekleckern die Polizei nicht gerade mit Ruhm.

Auf einen gemeinsamen Tenor wird man bei „Ich hab Polizei“ wohl kaum kommen. Braucht man auch nicht: Schließlich macht das Diskutieren über Musik Spaß. Für Böhmermann gilt: Eine Woche Medienaufmerksamkeit und dann noch eine Antwort des parodierten Haftbefehls in Form eines Tracks – alles richtig gemacht. Gratulation, Böhmermann! Ziel erreicht!

Über Sophia Kleiner

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Dezember 2015 von in Allgemein, Gelesen, Gesehen und getaggt mit , , , , , , , .

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