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Der Deutsche Reporterpreis – ein Preis von Journalisten für Journalisten

Am 7. Dezember wurde der deutsche Reporterpreis in Berlin vergeben. Die Gewinnerartikel lesen sich wie Liebeserklärungen an den Qualitätsjournalismus. Innovative Formate, inspirierende Dramaturgien, facettenreiche Darstellungen, messerscharfe Beobachtungen. Ich habe einige davon gelesen. Und bin begeistert.

von Laura Kirsner

58fdc31790Großer Abräumer in Berlin war die Zeit. Fast die Hälfte der elf Kategorien konnte die Wochenzeitung für sich gewinnen. Auch dabei waren der Spiegel, eine Graphic Novel, der Tagesspiegel, die taz, die Berliner Morgenpost und die NZZ.

Der Preis für die beste Reportage ging an Jana Simon für ihr ZEITmagazin-Stück „Der Junge, der in den Krieg ging“. Die Beobachtung eines jungen Mannes, der nach Syrien in den Krieg zieht, und nun zurückgekehrt ist. Er, der aus einem christlich-behüteten Umfeld stammt, konvertierte zum Islam und radikalisierte sich allmählich. Und niemand hat es bemerkt. Jana Simon beschreibt die Toleranz, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde. Man kann sie auch als Gleichgültigkeit empfinden. Sie frägt die üblichen Fragen. Ist er ein Terrorist? Ein Schläfer? Oder einfach naiv? Aber sie erzwingt keine Antwort. Die Fragen einfach in den Raum zu stellen, auch das macht diesen Text so stark. Die Sprachlosigkeit der Eltern, die Suche des Sohnes nach Eindeutigkeit, die stille Übereinkunft der Umgebung, zu tolerieren. Diese Aspekte macht der Text mit einer solchen Eindringlichkeit deutlich, dass man das Gefühl hat, am Tisch zu sitzen, mit dem rothaarigen Sohn und seinem fast bewundernd aufschauenden Freund aus dem Tischtennisverein.

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Die Kategorie Freier Reporter kann Claas Relotius für sich entscheiden. Mit dem Beitrag „Gottes Diener“, der im Spiegel erschienen ist, schreibt er sich in die Herzen der Jury – und auch in meines. Er beschreibt die Geschichte des letzten Abtreibungsarztes im Bundesstaat Mississippi. Willie Parker ist ein religiöser Mann. Er wuchs auf, als Abtreibungen noch verboten waren in den USA. Dieser Mann war immer für das Leben. Früher hieß das für ihn, auch gegen Abtreibungen zu sein. Aber er hat seine Meinung geändert. Für das Leben, das muss immer auch für das Leben der betroffenen Frau sein, findet er. Jetzt praktiziert er Abtreibungen in einem Staat, in dem die Sexualerziehung aus den Schulen vertrieben, Abtreibungskliniken ein ums andere Mal verklagt und alleinerziehende Mütter vom Staat vernachlässigt werden. Wo ungewollt Schwangere Rohrreiniger trinken, weil sie keinen Ausweg mehr sehen. Messerscharf beobachtet. Das moralische Dilemma Willie Parkers, seine Persönlichkeit – in allen Facetten beleuchtet.

Als bestes Interview wird „Die Hölle, das ist der andere“ ausgezeichnet. Der Text von Bastian Berbner, erschienen in der Zeit, besticht durch seine Dramaturgie. Zwei Amerikaner erzählen die Geschichte ihrer Geiselnahme in Syrien. Beide wurden von Al-Kaida entführt, beide wurden eingesperrt. Der eine versteht sich mit dem Wächter, der andere nicht. Der eine bleibt relativ verschont, der andere wird gefoltert. Und dann werden sie in eine Zelle gesteckt. Hass auf den ersten Blick. Für sie ist nicht mehr die Folter das Schlimmste, sondern der Andere. Das Interview wirkt fast, als erzählten die beiden Männer ihre Geschichte gemeinsam. Als säßen sie im selben Raum. Doch das ist nicht der Fall. Denn sie wollen sich nie wieder in die Augen sehen müssen. Bastian Berbner erschafft diese Atmosphäre allein durch seine kunstvolle und durchdachte Dramaturgie. Die hält er konsequent durch, bis zum letzten Satz. Dieses Interview ist ein Paradebeispiel dafür, was Journalismus kann. Nein, sogar muss! Grenzen überschreiten, Formate wieder und wieder neu interpretieren, etwas Neues schaffen.

Diese Artikel waren für mich eine echte Bereicherung. Ich werde weiterlesen, bis ich alle 131 Seiten des Readers verschlungen habe. Den kann man sich auf der Webseite des Reporter Forums herunterladen. Das kann ich nur empfehlen. Mich haben die Artikel begeistert. Sie haben mich inspiriert. Und sie haben mich an meine Leidenschaft erinnert, für wirklich guten Journalismus. Danke!

Über Laura Kirsner

Seit ich denken kann verschlinge ich fast alle Bücher, die ich in die Finger bekomme. Aber auch Soziale Netzwerke, diverse Frauenzeitschriften, SZ und FAS, unterhaltsame Filme und auch gerne mal Trash-Fernsehen sind meine Leidenschaft. Eben eine bunte Mischung aus allem, die perfekte Balance aus Anspruch und Unterhaltung. Denn vor allem langweilig soll's nicht werden.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Dezember 2015 von in Allgemein, Gelesen und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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