Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Merkel: Person des Jahres

Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde vom Time-Magazin zur Person des Jahres 2015 gewählt. Ist das eine Ehre? Darf man sich darüber freuen? Was für Auswirkungen könnte diese Auszeichnung haben?

Von Julia Hanigk


Seit 1927 ehrt die Redaktion des New Yorker Time-Magazins die einflussreichsten Persönlichkeiten des Weltgeschehens. Das Besondere dabei: Eine moralische Einordnung erfolgt nicht, stattdessen: Eine Art Bestandsaufnahme der wichtigsten Geschehnisse des Jahres. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass den größten Einfluss auf die Ereignisse dieses Jahres Angela Merkel hatte.

Merkel Time 2Also lächelt uns Angela Merkel auf dem Cover des Time-Magazins entgegen, in einem Ölgemälde festgehalten. Ihr Regierungssprecher Steffen Seibert meint laut Zeit: Er sei „sicher, die Bundeskanzlerin empfindet das als Ansporn für ihre politische Arbeit für eine gute Zukunft für Deutschland wie auch für Europa“. Wie vermutlich auch die meisten Menschen in Deutschland, sieht er es als besondere Ehre und Bestätigung Merkels in ihrer politischen Linie. „Bei Merkel schwang ein anderer Wertekanon – Menschlichkeit, Güte, Toleranz – mit, um zu zeigen, wie die große Stärke Deutschlands zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden kann“, übersetzt n-tv die Worte der Time. Besonders hervorgehoben werden sollen also die Reaktionen Deutschlands auf die Flüchtlings- und die Griechenlandkrise.

Anders aber in Amerika, darauf weist der Spiegel hin: Dort teilt Emma Watson (für die meisten wohl eher bekannt als Hermine Granger in den Harry Potter-Filmen) über Twitter einen Artikel über das Wahlergebnis mit ihren 20 Millionen Followern – Botschaft: Seht her, eine Frau holt sich den Titel! Aber nicht nur sie, die für die Gleichberechtigung von Frauen kämpft, kann sich dies zu Nutzen machen. Auch Hillary Clinton weiß, wie sie ihr Stück vom Kuchen abbekommt, und weist explizit darauf hin, dass es sich um die erste KanzlerIN im deutschen Bundestag handelt. Kommt ihr ja gelegen, denn eben diesen noch herrschenden Missstand möchte sie in den USA beheben. Und die erste Präsidentin werden. Vote for Hillary.

Abgesehen von den unterschiedlichen Wertungen, die diese Wahl also hervorruft, gibt es noch eine ganz andere Dimension dieser Nominierung. Nach Merkel stehen auf Platz zwei des Rankings der Führer der islamistischen Bewegung IS, Abu Bakr al-Baghdadi, und an dritter Stelle Hillarys Konkurrent im Kampf um die Präsidentschaft, Donald Trump. Der twittert am 9. Dezember: „I told you @TIME Magazine would never pick me as person of the year despite being the big favorite. They picked the person who is ruining Germany“. Nach dem Motto: „Bloß nicht von der Bildfläche verschwinden und immer im Gespräch bleiben“.

Die Frage, die sich bei diesem Ranking nun viele stellen: Wie ehrenhaft ist dieser Titel  eigentlich, wenn auch schon Massenmörder (Adolf Hitler oder Stalin) gekürt wurden (n-tv)? Sollte man hier nicht auch moralische Maßstäbe mit einfließen lassen? Und sollte man nicht vermeiden, Leuten wie dem Anführer des IS eine Plattform zu geben? Die öffentliche Diskussion über die gewählte Person kann andernfalls auch jemandem Raum und Präsenz verschaffen, dessen Handeln im Widerspruch zu grundlegenden Werten der Menschheit steht. Eine Antwort muss differenziert ausfallen: Eine derartige öffentliche Diskussion kann schließlich auch der Treiber für ein konsequenteres Vorgehen gegen solche Personen sein.  Und vielleicht kann auch Angela Merkel in Zeiten politischer Schwierigkeiten sowie schwindendem Vertrauen in ihre Politik Unterstützung gut gebrauchen und sicher auch zu ihren Gunsten nutzen.

Eine detaillierte Betrachtung und erläuternde Einordnung der Wahl des Time-Magazins ist in den Medien jedoch kaum zu finden und würde zudem im Medienecho vermutlich untergehen. Da in den elektronischen Medien wie in TV und Radio das Ereignis selbst ebenso wie dessen Kommentierung in kürzester Zeit verbreitet werden, hat eine Periodikum wie das wöchentlich erscheinende Time-Magazin kaum eine Chance, auf die Diskussion zeitnah genug zu reagieren. Das Time-Magazin sollte daher die Kriterien für die Wahl vor dem Hintergrund der aktuellen Medienlandschaft neu überdenken und auch die Berücksichtigung moralischer Maßstäbe in Betracht ziehen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ein ungewollter Werbeeffekt für Terror und Gewalt geschaffen wird, der sich nicht kontrollieren lässt.

Über Julia Hanigk

Leseratte, Serienjunkie, Kinostammgast und die aktuellen News immer dabei - auf dem Smartphone oder unterm Arm. Vor mir ist nichts sicher!

Ein Kommentar zu “Merkel: Person des Jahres

  1. racheleswelt
    12. Dezember 2015

    Sehr informativer Artikel!
    Denke auch, dass es mehr als fragwürdig ist ein Gesicht des IS in so einem Zusammenhang zu erwähnen (selbst wenn Moral keine Rolle spielt).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. Dezember 2015 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: