Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Vorsicht bissig!

Postillons Ironie kennt keine Grenzen. Geht das zu weit? Oder muss man Ironie verstehen? Und ist Ironie ein Konzept, das dauerhaft funktionieren kann?

Von Sophia Kleiner

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Facebook-Auftritt Postillon

Meldung: „Krankenhaus führt Operationen nur noch nachts durch, um Narkosemittel zu sparen“. Öffentlicher Aufschrei! Das geht doch nicht! Menschenwürde. Hinausgeschmissene Gelder. Wo kommen wir noch hin? Oder besser gefragt: Wie kann man so einen Unsinn ernst nehmen? Das denkt der, der den Postillon kennt – und Ironie versteht. Keine Selbstverständlichkeit. Newsticker, tägliche Beiträge zu aktuellen Themen, Radio-Auftritte und eine eigene Nachrichtensendung im NDR: An Postillons Mediensatire kommt man nur schwer vorbei. Und was macht der Postillon mit jenen, die seine Ironie nicht verstehen? Er postet ihre Kommentare, damit sich die Netzgemeinde an ihnen ergötzen kann. Belustigung auf Kosten anderer. Immer ein Streitpunkt. Letztlich Ansichtssache.

Wort des Jahres 2015: Flüchtlinge. „Jetzt nehmen uns die Ausländer sogar schon das Wort des Jahres weg!“ schreibt der Postillon. Eine Nutzerantwort: „Mein Wort des Jahres ist Nazideppen. Davon gibt es offensichtlich weit mehr als Flüchtlinge“. „Natürlich gibt es mehr Nazis als Flüchtlinge, denn in Deutschland ist ja jeder, der nicht am Bahnhof singend und tanzend Flüchtlinge empfängt, ein Nazi“, wird entgegnet. Ein Hauch Ironie, aber auch deutliche Kritik. Stammtischdiskussion eröffnet. Aber bietet Ironie dafür einen geeigneten Rahmen? Wohl kaum. Trotzdem: Diskussionen werden bei kontroversen Themen nicht ausbleiben. Sollte man deswegen auf Ironie bei heiklen Themen verzichten? Der Postillon hat auch vor den Anschlägen von Paris nicht Halt gemacht. Pietätlos oder konsequent: Darüber wurde in den sozialen Netzwerken heftig gestritten. Einige Artikel zu den Anschlägen von Paris wurden auf Facebook inzwischen gelöscht. Ein Rückzieher?

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Postillon24, Website

Der Postillon als Nachrichtensendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Ist Satire bereits so konsensfähig? Die Sendezeit – 00:10 – spricht Bände. Dabei hat das Magazin einiges zu bieten: Medienkritik vom Feinsten. „Wir berichten, bevor wir recherchieren!“ lautet der Postillon24 Slogan. Für Medienakteure gilt: Bitte nicht nachmachen. Für die Leser gilt: Bitte nicht alles glauben, was in den Medien ad hoc preisgegeben wird. Postillon24 ist eine Parodie der gängigen Nachrichten-Formate: Die Moderatoren lächeln übertrieben freundlich in die Kamera und anstatt des üblichen freundlichen Vor-Geplänkels werden sich bissige Kommentare zugeworfen. Fokus Medienkritik: erfrischend. Abwechslungsreicher als eine rein ironische Abhandlung der Tagesthemen. Vielleicht zukunftsweisend?

Weit verbreitetes Credo im Journalimus: Lieber keine Ironie, die versteht kaum einer. Aber Postillons Konzept begeistert; hat über eine Millionen Fans auf Facebook. Aber Praktikum – Fehlanzeige! „Wir haben bereits eine funktionierende Kaffeemaschine und die stellt keine dummen Fragen“, FAQ Postillon. Überheblichkeit mit Witz. Konsequent ironisch bis zum Schluss – eine runde Sache.

Über Sophia Kleiner

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. Dezember 2015 von in Allgemein, Aufgefallen, Gelesen, Gesehen und getaggt mit , , .

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