Munich Media Watch

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Das große Kiff-Verständnis

Geht es nach den deutschen Leitmedien, wird Cannabis auch hierzulande bald freigegeben. Im öffentlichen Diskurs dominiert die Pro-Fraktion schon heute.

Von Katharina Kimberly Beck 

(Il-) Legalize it? Noch nie wurde über eine Legalisierung von Cannabis in Deutschland so heftig diskutiert wie im vergangenen Jahr. Bundesstaaten in den USA tun es, Kanada tut es, und auch in Bremen stehen die Zeichen gut. Die Debatte ist neu entfacht. „Es wird höchste Zeit, dass sich in Sachen Cannabis etwas bewegt in Deutschland“, betonte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt unlängst (Handelsblatt vom 30. August 2015). Das Kiffen und dessen Freigabe erscheinen in völlig neuem Licht. Legitim, gesellschaftsfähig, zeitgemäß. Die Medien zollen diesem politischen Gesinnungswandel Tribut. Bei einem so kontroversen Thema wie Marihuana fällt dies auf – weil allgemein bekannte physische, psychische und soziale Folgen des Konsums der bislang repressiven Drogenpolitik der Bundesregierung als Legitimierungsgrundlage dienen. Wie beeinflussen die Medien als kommunikative Vermittlungsinstanzen, die Diskurse hervorbringen und Wirklichkeiten produzieren, was die Gesellschaft für legitim oder illegitim, für richtig oder falsch hält? Wie wird die Legalisierungsdebatte in deutschen Medien konstruiert?

Auf Basis der Diskurstheorie Foucaults habe ich 25 längere Beiträge untersucht, die zwischen dem 1. April 2014 und dem 15. Mai 2016 in den Leitmedien Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt und Die Zeit erschienen sind. Die zentralen Ergebnisse:

  • Die Cannabis-Debatte wird in deutschen Medien von den Befürwortern dominiert. Die Argumente speisen sich weniger aus der Legitimierung des Konsums als viel mehr aus der Delegitimierung der bisherigen Prohibitionspolitik. Dementsprechend stehen politisch-rechtlich behaftete Themen wie Drogenpolitik, Strafgesetzgebung und Rechtsprechung sowie Kriminalität bzw. Entkriminalisierung im Fokus der Berichterstattung. Der Schildower Kreis, ein Netzwerk von Experten, das auf die Folgen der repressiven Drogenpolitik aufmerksam machen will, bilanziert:  „Die strafrechtliche Prohibition ist gescheitert, sozialschädlich und unökonomisch.“ Das bedeutungsschwere Statement findet sich in zehn der 25 analysierten Artikel.
  • Die Freigabeforderung im hegemonialen Diskus wird mit dem „Recht auf Rausch“, der Entkriminalisierung unschuldiger Konsumenten, verbesserten Therapiemöglichkeiten (Stichwort: Prävention statt Kriminalisierung!) und dem gesamtgesellschaftlichen ökonomischen Profit einer Legalisierung begründet. Weiterhin könne man Kriminalität unterbinden und so für mehr Wohlbefinden in der Gesellschaft sorgen, indem man dem Schwarzmarkt den Nährboden entzieht. Strategisch werden in den Leitmedien die Vorteile einer liberalen Drogenpolitik betont, während man die Folgen des Konsums ausblendet. Man kann jedoch keinesfalls von Verharmlosung oder Verherrlichung der Droge sprechen. Die Devise: „Es ist legitim und anerkennenswert, das Ziel einer drogenfreien Gesellschaft zu verfolgen und sich hierzu des Mittels der Prävention zu bedienen. Wenn jedoch im Rahmen der Prävention das strafrechtliche Verbot zur Anwendung kommt, dann ist dieses Mittel abzulehnen“ (SZ vom 12. Mai 2016).
  • Um die Legitimität der Legalisierungsbewegung zu unterstreichen, kommen Sprecher in gesellschaftlich legitimierten, herausragenden Positionen zu Wort. Dazu gehören neben Spitzenpolitikern aus Oppositionsparteien (insbesondere der Grünen) (Star-) Juristen wie der ehemalige Bundesverfassungsrichter Wolfgang Nešković oder Heribert Prantl und, weniger häufig, Psychotherapeuten. Damit einher geht ein selektives Ausschließen der Konsumenten als legitime Sprecher, trotz ihres großen Engagements. Die Medien portraitieren weniger die „Revolution eines zugedröhnten Bob-Marley Fanclubs“ (Die Zeit vom 9. April 2015) oder „das Werk benebelter Spinner“ (Die Zeit vom 20. März 2015), als vielmehr eine ernsthafte politisch- rechtliche Forderung. Seriosität statt Kiffer-Folklore!
  • Der Legalisierungsdiskurs basiert auf faktischen Argumenten, belegt durch wissenschaftliche Studien und Statistiken, geprägt von realpolitischen Vergleichen mit Ländern wie den Niederlanden oder US-Staaten wie Colorado, in denen die Freigabe bereits realisiert wurde. Als Aufhänger dienen konkrete Modellvorschläge zur Legalisierung, etwa der Gesetzesentwurf der Grünen oder Projekte in einzelnen Städten wie Berlin oder Köln. Von Emotionalisierung wird weitgehend abgesehen. Bildbelege und Wortmalereien wie der „Ruf nach der Revolution“ dienen lediglich illustrativen Zwecken.
  • Der Gegendiskurs in der diskursiven Formation Legalisierungsdebatte spricht sich gegen eine Freigabe von Cannabis und für ein Festhalten an der strafrechtlichen Prohibitionspolitik aus. Die Legalisierung? Ein falsches Signal. Die Argumente speisen sich aus einer kritischen Reflektion des Konsums und all seiner gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgeschäden, insbesondere im Jugendalter. Die Freigabeforderungen seien schlichtweg „nicht kompatibel mit dem Forschungsstand“, kritisiert Rainer Thomasius, Psychiater und Leiter eines Klinikums für Suchtfragen (FAZ vom 20. Juli 2015). (Straf-) Rechtliche und gesellschaftspolitische Aspekte und Wirkungen der Drogenpolitik werden ausgespart.
  • Der Gegendiskurs basiert auf faktischen Argumenten, unterfüttert durch medizinische Studien und Konsumstatistiken, illustriert durch emotionale Fallbeispiele. Sprecher sind dementsprechend hauptsächlich Mediziner, allen voran Rainer Thomasius. Die Wortführerin auf Seiten der Politik, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), beharrt auf dieser Beweisgrundlage auf einer repressiven Drogenpolitik und spricht sich „ganz klar gegen eine – auch modellhafte – Abgabe illegaler Drogen“ aus (FAZ vom 14. Dezember 2014).
  • Die untersuchten Zeitungen nehmen im Diskurs „Die Legalisierung von Cannabis in Deutschland“ unterschiedliche Diskurspositionen ein. Die Zeit, die sich durch die liberalste Berichterstattung kennzeichnet, und die Süddeutsche Zeitung, lassen sich dem hegemonialen Diskurs zuordnen. Die Welt, in deren Berichterstattung auch alternative Sprecher (Konsumenten) zitiert und Strategien angewandt werden („Die strafrechtliche Verfolgung geht nicht weit genug“), scheint bezüglich einer Legalisierung ambivalent. Die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung beurteilt eine Freigabe kritisch und lässt sich am ehesten dem Gegendiskurs zuordnen. Sie spricht metaphorisch von einem „Zweifelhaften Duft“.

Die Legalisierungsbefürworter geben im medialen Diskurs den Ton an. Hinter der Dominanz stehen eine sich gegen schwächelnde Regierungsparteien aufbäumende Opposition, eine starke Hanf-Lobby sowie (agrar-)wirtschaftliche Interessen. Davon ausgehend, dass geltendes Wissen nicht nur auf Diskursebene zu verorten ist, sondern politische Handlungsrelevanz hat und Ausdruck in Praktiken findet, ist mit einer baldigen Freigabe zu rechnen. Experten schließen sich dieser Prognose an. Die Entscheidung ist in hohem Maße davon abhängig, welche Parteien die Regierung bilden. Solange die konservative CDU den Bundesgesundheitsminister stellt, dürften entsprechende Anträge kaum Aussichten auf Erfolg haben. Die Cannabis-Revolution wird nicht einfach.

Literaturempfehlung

Behr, H.-G. (1995): Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge. Basel: Rowohlt.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

Ein Kommentar zu “Das große Kiff-Verständnis

  1. Martin Reinwald
    12. September 2016

    Gut gemacht und mit viel Arbeit geschrieben! Schlauer Kopf!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Juni 2016 von in Allgemein, Gelesen und getaggt mit , , , , , , .

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