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Wickerts Zeigefinger

Man muss nicht jede Vorlesung drucken. Auch nicht, wenn sie von Ulrich Wickert ist. Immerhin: Mister Tagesthemen hebt den Zeigefinger und schimpft auf die Kollegen. Ein bisschen.

Von Michael Meyen

Wenig Neues für 16 Euro. Ulrich Wickert war im ersten Halbjahr 2016 Heinrich-Heine-Gastprofessor an der Universität Düsseldorf und hat dort auch über sich gesprochen, natürlich. Wie das so war am 11. September, als einfach gesendet werden musste. Wie er hineingerutscht ist in den Beruf, wie er Herbert Marcuse interviewt hat und wie wichtig Freunde aus der Studienzeit sind, erst recht, wenn sie Karriere in der Politik machen. Exklusivnachrichten. Um nichts anderes geht es im Journalismus.

Dieses Kapitel „Praktizierter Journalismus“ steht am Ende des Bändchens. Vorher geht es um „Freiheit und Journalismus“ sowie um „Macht, Moral und Verantwortung der Medien“. Eine Art Manifest des großen Journalisten Wickert. Aufklärung und Mut, ruft er den Kollegen zu. Macht von eurer „Vernunft in allen Bereichen öffentlichen Gebrauch“. Kant als „Maßstab für Journalismus“ (S. 11).

Wickert schreibt über „Denk-Tabus“ (S. 14) und über die Versuche der Regierenden, „die politische Berichterstattung zu beeinflussen“ (S. 17). Personalpolitik im ZDF, Anrufe aus der Staatskanzlei und eine Kanzlerin, die „in der Machtpolitik um die Besetzung von Posten in den öffentlich-rechtlichen Sendern eine entscheidende Rolle“ spiele (S. 22). Alles bekannt, aber vielleicht nicht schlecht, es noch einmal gebündelt aus berufenem Mund zu hören.

Ein wenig schimpft Wickert auch über seine Nachfolger. Über Journalisten, die das Wichtige nicht mehr vom Unwichtigen trennen können und die „Banalisierung der Öffentlichkeit“ vorantreiben (S. 46). Über Redakteure, die vor lauter politischer Korrektheit Tatsachen verschleiern und die „Kunst des Unterlassens“ (S. 38) nicht beherrschen. „Apokalypse statt Aufklärung“ (S. 30). Helft den Menschen da draußen beim Denken, bitte. Beschäftigt euch mit Inhalten und Programmen und nicht mit der politischen Figur. Lasst „wichtige Bereiche der gesellschaftlichen Entwicklung in der Berichterstattung“ nicht einfach aus (S. 95). „Tatsächlich verdrängt der Mechanismus, permanent Sensationen zu verbreiten, die Auseinandersetzung mit Themen, die Orientierung verschaffen“ (S. 51).

Wickert will „kritischen Journalismus“ statt Betroffenheitsjournalismus“ (S. 78) und „positive Nachrichten“ anstelle des zynischen „only bad news are good news“ (S. 98). Für die Studenten in Düsseldorf war das bestimmt ganz nett. Damit die Kollegen von einst ihn hören, hätte Wickert ruhig eine Spur lauter rufen können.

Ulrich Wickert: Medien: Macht & Verantwortung. Hamburg: Hoffmann und Campe 2016. 159 Seiten. 16 Euro.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

Ein Kommentar zu “Wickerts Zeigefinger

  1. Pingback: Wickerts Mediennormen | Medialisierung

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. Juli 2016 von in Aufgefallen und getaggt mit , , , , .
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