Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Kritik der TV-Kritik

Johan Schloemann gefällt nicht, was das Erste zum Thema Lügenpresse sagt. Munich Media Watch gefällt nicht, was er in der SZ über die Sendung schreibt.

Von Michael Meyen

„Kurzatmig, oberflächlich und selbstgerecht“: Johan Schloemann lässt kaum ein gutes Haar an der Doku „Vertrauen verspielt? Wie Medien um Glaubwürdigkeit kämpfen“, die am 11. Juli 1m 23 Uhr im Ersten lief (SZ vom 12. Juli 2016). Ein Podium für Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD aktuell. Wie schrecklich. Die Inszenierung der „eigenen Oberchefin“ (MDR-Intendantin Karola Wille, die sagen darf, dass der Senderverbund inzwischen breiter aufgestellt sei als noch vor einem halben Jahr). Noch schrecklicher. Ausgelassen dagegen Jürgen Habermas, der gerade in der Zeit gefragt habe, „ob sich der Schaumteppich der Merkelschen Politik der Einschläferung ohne eine gewisse Anpassungsbereitschaft der Presse über das Land hätte ausbreiten können“. Achtung, liebe ARD, ruft Schloemann. Die Medienschelte fresse sich längst auch in „vermeintlich zivile, intellektuelle Kreise hinein“. Dafür dürfe im Ersten zu später Stunde erst „ausgerechnet der hedonistische Krawall-Liberale Ulf Poschardt von der Welt“ reden (was für ein Orden, lieber Herr Poschardt!), und dann geht es auch noch „im Schnelldurchgang“ durch „alternative Journalismusformen“. Gescheitert, auf der ganzen Linie.

Munich Media Watch will nicht ungerecht sein. Diese letzten Minuten über Vice oder über den Dokumentarfilmer Hubertus Koch wirken in der Tat etwas beliebig. Die verlorene Jugend. Irgendwo muss sie doch sein, irgendwo findet sie sogar die ARD. Johann Schloemann lobt auch: „Interessant ist der kritische Blick auf die manichäische Gegenüberstellung eines ‚hellen‘ und eines ‚dunklen‘ Deutschland, wie sie Bundespräsident Gauck und viele Journalisten beschwören. Einige Auslöser für das Medien-Unbehagen werden benannt: Die Kommunikation über die Flüchtlingspolitik (wenn auch schwer von deren Bewertung selbst zu trennen), Putin versus Ukraine, die Jagd auf Christian Wulff, die Kölner Silvesternacht, der Stimmungs-Herdentrieb vieler Medienmacher. Nach dem Titel ‚Stoppt Putin jetzt!‘ gefragt, bekennt Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer freimütig: ‚Ich glaube, er war falsch.‘“

Journalisten (auch aus dem eigenen Haus) konfrontieren mit dem, was sie gemacht haben: Das ist die Leistung dieses Films, die der SZ-Kritiker glatt unterschlägt. Botschaft: Wir wissen um die Kritik und machen es uns nicht leicht. Das ist doch was. Die eigene Rolle thematisieren, den blinden Fleck des Journalismus. Fehler benennen und Demut zeigen. Wir wissen auch nicht alles, selbst wenn wir Chefredakteur sind oder sogar Oberchefin.

Wer in der SZ über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schreibt, kann es sich offenbar leisten, in einer langen Rezension drei zentrale Protagonisten eines Dokfilms wegzulassen. Kein Wort über Matthias Kohring (Universität Mannheim), der seit Jahren zum Thema Glaubwürdigkeit forscht, und keins über Carsten Reinemann (LMU München), der erst die These vom Vertrauensverlust in die Medien relativiert und dann die Journalisten zur Ruhe mahnt. Recherchieren, prüfen, recherchieren. Und nicht einfach raus in die Öffentlichkeit. Kein Wort auch über Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef beim Dänischen Rundfunk. Im Film erzählt Haagerup, wie er nach und nach verstanden habe, dass die Zuschauer seine Sendung nur dann akzeptieren können, wenn sie selbst mit all ihren Sorgen und Nöten zu Wort kommen. Wenn auch die Parteien, die den Medieneliten nicht gefallen, gleichberechtigt behandelt werden. Und das im deutschen Ersten, wenn auch erst nach 23 Uhr.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

2 Kommentare zu “Kritik der TV-Kritik

  1. Johan Schloemann
    26. Juli 2016

    Und wer Systematische Kommunikationswissenschaft lehrt, kann es sich, sehr geehrter Herr Meyen, offenbar leisten, zentrale Argumente der kritisierten Rezension ebenfalls wegzulassen. Oder wie?

  2. Michael Meyen
    26. Juli 2016

    So ungefähr, ja. Was ich aber wirklich vergessen habe: den Artikel zu verlinken. Damit jeder selbst alle zentralen Argumente finden kann: http://www.sueddeutsche.de/medien/glaubwuerdigkeit-der-medien-sender-im-brennpunkt-1.3071648

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Juli 2016 von in Gesehen und getaggt mit , , , , , .
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