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Doping, Pferde, Langeweile

Olympia läuft vielleicht schon bald exklusiv bei Eurosport. Rio 2016 zeigt: Die Fans sollten sich freuen. Und das nicht nur, weil ein Pferdereporter der ARD Abbitte leisten muss.

Von Michael Meyen

Samstag, Primetime, Olympia. Draußen um die 20 Grad, vielleicht bald Regen. Ein perfekter Fernsehabend, eigentlich. Im ARD-Studio geht es um Doping. Jemand von der Wada ist da und sagt, wie schlimm er das alles findet. Russland und überhaupt. Man sieht einen Film, der einen Funktionär aus Kenia blamiert, mit versteckter Kamera offenbar, aus Deutschland natürlich. Später in den Tagesthemen erscheint das Gesicht von Hajo Seppelt auf dem Bildschirm. Bei den Paralympics werden die Russen komplett gesperrt. Leichte Genugtuung. Immerhin.

Davor spielt Andrea Petkovic. Damentennis, Runde eins, eine Gegnerin aus der Ukraine. Kein Brüller, aber Petković sieht richtig gut aus (auch wenn sie dann verliert), und vielleicht schaltet die ARD ja doch bald um. Macht sie dann auch. Zum Reiten. Tennis und Pferde. Der westdeutsche Sport aus den 1980ern, aufbereitet wie in den 1980ern. Das haben wir schon immer so gemacht, und vielleicht gewinnen wir sogar eine Medaille. Später gibt es dann noch Turnen, mit einem Reporter, der es offenbar gewohnt ist, nur zu den Seinen zu sprechen. Zu den Eltern und Freunden, die ohnehin Bescheid wissen. Es ist Samstag, es ist Primetime. Gib uns Regeln, bitte. Sag, worauf wir achten müssen.

Sport kann großartig sein, Olympia kann großartig sein. Ist es an den nächsten Tagen manchmal auch. Unglaublich, was die Synchronspringer vom 10-Meter-Turm bieten. Makellose Körper, super Bewegungen und Drama pur, wenigstens auf den Plätzen hinter den Chinesen. Oder die Turner. Auch die, die mit intakten Kreuzbändern an die Geräte gehen.

Der Sportfan braucht keine deutschen Helden und keine Medaillen für Deutschland. Er ist längst in Scharen zu den Profiligen in den USA abgewandert, wo es großen Sport gibt und vor allem perfekte Inszenierungen. Die ARD? Ergänzt Tennis und Pferde an diesem Samstagabend um ein Live-Telegramm. Im Abstand von drei Stunden zweimal exakt die gleichen Bilder. Das heißt auch: zweimal nichts vom Radsport, obwohl dort die Männer um Straßengold gefahren sind. Igittigitt, Radsport. Finger weg.

Am Dienstag zeigt das ZDF zur besten Sendezeit Frauen-Fußball, auch so ein Muss im öffentlich-rechtlichen Kosmos. Im Internet turnen die Frauen um Mannschaftsgold, und auch im Tischtennis geht es hoch her, sogar mit einem Deutschen. Egal. Claudia Neumann darf live auf den Sender (Claudia Neumann, die EM, man erinnert sich), obwohl sie selbst zugibt, dass eigentlich weder Kanada gewinnen will noch Deutschland und dass das Spiel überhaupt ziemlich bedeutungslos sei. Immerhin: Zwischendurch geht es doch zum Turnen, und dort sitzt Ronny Ziesmer, der selbst aktiv war und weiß, was man dem Zuschauer sagen muss.

Olympia bei den Öffentlich-Rechtlichen: Das sind viel zu viele Erwartungen und viel zu viele, die mitzureden haben. Kritisiert und kontrolliert, wenigstens im Sport, wenn ihr das schon in der Politik nicht hinbekommt. Deckt Missstände auf, geht auf Distanz und jubelt nicht zu laut. Bleibt politisch korrekt. Das kann nicht gut gehen. Carsten Sostheimer musste sich sogar öffentlich entschuldigen (!). Okay, er hat mindestens einmal zu oft Blondine gesagt und etwas von „einem braunen Strich“ in der Hose. Sei’s drum. Es ist Sport, es ist Olympia. Lasst Eurosport daraus eine Show machen, 2018, 2020. Dann haben junge Leute vielleicht auch hierzulande wieder Lust, sich so zu quälen, dass es für eine Medaille reicht.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. August 2016 von in Gesehen und getaggt mit , , , , .
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