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Die Flüchtlingskrise als „Krise Europas“

Die Flüchtlingskrise – eine weltweite humanitäre Katastrophe oder der wirtschaftliche Super-Gau? Für die deutschen Leitmedien ist die Flüchtlingskrise ganz klar eine Gefahr für die EU.

Von Theresa Haberl

Spätestens seit 2015, dem Jahr, in welchem sich mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht befanden, stand vor allem ein Thema im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung: die Flüchtlingskrise. Die entsprechende Debatte beschäftigt und betrifft die gesamte Bevölkerung und dominiert die Medien. Was bedeutet die Krise? Ist sie ein humanitäres Desaster, ein schlechtes Beispiel für die Achtung der Menschenrechte, eine finanzielle und wirtschaftliche Belastung oder gar eine Chance?

Wie beeinflussen die Medien, als Arena der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion, welche Diskurse hervorgebracht werden und was folglich als wahr oder falsch wahrgenommen wird? Welche Wirklichkeit der Flüchtlingskrise wird in den deutschen Medien konstruiert?

Anhand eines auf der Diskurstheorie Foucaults basierenden Kategoriensystems habe ich 33 zentrale Artikel der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung analysiert. Der Untersuchungszeitraum umfasste die Wochen zwischen dem 24. Dezember 2015 und dem 9. Januar 2016. Ausschlaggebend für die Wahl des Zeitraums waren die Silvesterereignisse in Köln und die Vermutung eines Wendepunkts in der Debatte. Die zentralen Ergebnisse:

  • Neben dem Gegenstand „Flüchtlingskrise“ und dessen Facetten, die sich in Begriffen wie Flüchtlinge, Flucht und Asyl wiederfinden, werden verschiedene Themen auf die Agenda gesetzt –vor allem die Begrenzung des Flüchtlingszustroms, Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus sowie Integration. Auffallend und prägend ist, dass alle erwähnten Themen dabei immer wieder mit der EU in Beziehung gesetzt werden – als wichtiges Gut, welches bewahrt werden muss. Andere Themen werden im Diskurs ausgespart: beispielsweise der Krieg als Auslöser der Krise, aber auch Terror, der Arbeitsmarkt oder Menschenrechte.
  • Als Anlass und Auslöser von Artikeln stechen die Silvesterereignisse in Köln besonderes hervor. Diese lassen sich als diskursives Ereignis auffassen, welches den Diskurs zur Flüchtlingskrise verändert. Die Thematisierung einer potentiellen Kriminalität, die von Flüchtlingen ausgeht, oder der Verschärfung der Abschieberegelungen beeinflusst die Konstruktion des Gegenstands.
  • In der Berichterstattung finden sich auch Diskursverschränkungen. Die religiösen und kulturellen Aspekte des Islam sind ein wichtiger Nachbardiskurs, der zunächst in den meisten Fällen ausgespart oder nur sehr vorsichtig erwähnt wird, jedoch nach den Silvesterereignissen in der Berichterstattung an Bedeutung gewinnt. Aber auch die deutsche Historie durchzieht den Diskurs. Es wird immer wieder auf die nationalsozialistische Vorgeschichte mit ihren Auswirkungen auf die aktuelle Situation verwiesen.
  • Es fällt auf, dass vor allem Politiker den Diskurs bestimmen und die Macht haben, diesen zu gestalten. In der gesamten Berichterstattung dominieren die Regierungsparteien dabei klar. Politiker der Opposition kommen nur sehr selten zu Wort. Relevant ist auch, dass Stimmen von AfD und Pegida ausgespart werden, obwohl beide hinsichtlich der Aspekte Rechtspopulismus und Radikalisierung eine wichtige thematische Rolle im Diskurs einnehmen.
  • Aufgrund der Quantität ihrer Beiträge und ihrer Prominenz stechen Heribert Prantl (SZ) und Eckart Lohse (FAZ) aus der Vielfalt der Verfasser hervor. Beide leisten einen entscheidenden Beitrag zur Konstruktion des Gegenstands. Unterschiede zwischen den beiden Zeitungen lassen sich allenfalls in Details erkennen. In der Süddeutschen Zeitung und speziell in Beiträgen von Prantl wird beispielsweise die CSU stärker kritisiert. So wird der Partei eine „populistisch-diabolische Lust“ zugeschrieben. „Si tacuisses, CSU“ (SZ vom 4. Januar 2016).
  • Es treten kaum legitime Sprecher auf, die nicht dem politischen oder journalistischen Spektrum angehören. Flüchtlingen wird nicht die Chance gegeben, den Diskurs als legitime Sprecher mitzugestalten.
  • Orte, von welchen sich die Sprecher aus äußern, sind vor allem der Bundestag oder auch Flüchtlingslager in Deutschland. Beiträge direkt aus dem Kriegsgebiet oder aus dem Ausland sind nicht Teil des Diskurses. Im Gegensatz zum neutralen Tonfall der analysierten Berichte stehen die Perspektiven der Leitartikel und Kommentare, die sich häufig sehr kritisch und anklagend äußern und auf Veränderungen in der Politik drängen.
  • Viele Beiträge nutzen situative Ereignisse als Aufhänger und verwenden in ihrer Argumentation vorwiegend Politikerzitate. Solche Zitate sowie Gesetze, rechtliche Beschlüsse und Daten zu verschiedenen Vorkommnissen sind die wichtigsten Belege und Quellen. Texte, welche sich auf die Radikalisierung der rechten Szene beziehen, werden mit Bildern zur Verdeutlichung des Extremismus untermauert. Fotos von Flüchtlingen sind nicht Teil der Berichterstattung.
  • In der Bebilderung findet sich auch ein zentrales rhetorisches Stilmittel wieder: das Symbol. Die Öresundbrücke (Bindeglied zwischen Dänemark und Schweden) wird immer wieder als Symbol für die bedrohte EU angeführt und prägt so das Bild der Krise. Ebenso lebt der Diskurs von Metaphern und Analogien, welche den Journalisten die Möglichkeit geben, Situationen zu veranschaulichen, zuzuspitzen und auf den Punkt zu bringen: Die Obergrenze wird dabei zum „Gift der vermeintlich einfachen Lösung“ und Grenzkontrollen sarkastisch zum „Allheilmittel“ (SZ vom 4.  Januar 2016 und 28. Dezember 2015).
  • Eine einheitliche strategische Linie lässt sich in dem gemeinsamen Ziel aller finden, die Krise einzudämmen und somit die EU zu retten: Es wird an die Gesellschaft appelliert, Flüchtlingen zu helfen und aktiv gegen eine rechte Radikalisierung vorzugehen. An oberster Stelle stünden die Bewahrung der Freizügigkeit und die gemeinsame Bewältigung der Krise.
  • Im Hinblick auf Radikalisierung und Nationalisierung wird betont, dass die Einheit der EU in höchstem Grade gefährdet sei. Auch die Thematik Integration wird in Bezug auf ein mögliches Scheitern abgehandelt und ihr Gelingen wird als wichtiges Element für eine Zukunft Europas konstruiert. Ursache für die Krise sei die ungewöhnlich hohe Zuwanderung. An eben diesem Punkt setzten die Lösungsvorschläge der legitimen Sprecher an. Im Widerspruch zu der starken Kritik an Grenzkontrollen in der EU steht die Forderung der Begrenzung des Flüchtlingszustroms. Nur durch eine Minimierung der Flüchtlingszahlen könne die Krise bewältigt werden. Zu den Vorschlägen hinsichtlich der Umsetzung zählen einerseits der Schutz der EU-Außengrenzen und andererseits eine gesamteuropäische Lösung. Wie diese jedoch im Detail ausschauen könnte oder umgesetzt werden sollte, wird nicht erläutert.

In dem untersuchten Zeitraum wird die Flüchtlingskrise vor allem in einem politischen Rahmen kritisch abgehandelt und dabei als Herausforderung, Problem und Gefahr für die europäischen Länder konstruiert. Die Flüchtlingskrise wird in der Wirklichkeitskonstruktion durch die untersuchten Tageszeitungen so zu einer „Krise Europas“ (SZ am 28. Dezember 2015). Auffallend ist, dass vorwiegend Politiker der Regierungsparteien die Macht haben, den Diskurs zu gestalten und diesem so eine wesentlich andere Richtung geben, als es bei einer anderen Priorisierung der legitimen Sprecher der Fall wäre.

Ein Bruch in der Berichterstattung findet sich nach den Silvesterereignissen von Köln insofern, dass sich nahezu jeder analysierte Artikel im neuen Jahr auf ebendiese Vorfälle bezieht und Flüchtlinge auch erstmals als mögliche „Gefahr“ wahrgenommen werden.

Literaturempfehlungen

Konrad Adenauer Stiftung (2016): Flucht und Migration als Herausforderung für Europa. Sankt Augustin/Berlin: Konrad Adenauer Stiftung e.V.

EJO. (2015, 09. November). Wie Zeitungen aus West- und Osteuropa über die Flüchtlingskrise berichteten.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. August 2016 von in Gelesen und getaggt mit , , , , .

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