Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Ein Hoch auf Media Watch

Lückenpresse: Was für ein Buchtitel. Auch grafisch hübsch. Im Innenteil steht zwar nix wirklich Neues, aber: Gut aufgeschrieben ist das Alte allemal.

Von Michael Meyen

Tolles Cover. Lob von jedem, der das Buch auf meinem Tisch liegen sieht. Auch für den Titel. Lückenpresse. Ulrich Teusch nimmt sich „den Mainstream innerhalb des Mainstreams“ vor, jenes „dominante Segment“ im Journalismus, das er mit den Adjektiven verflacht, plakativ, tendenziös, staats- und wirtschaftsnah beschreibt (S. 39). Mmh. Konkreter wird es nicht, vielleicht auch, weil sich der Autor im Klappentext als „Politikwissenschaftler“ und „freier Publizist“ vorstellt und im Innenteil zugibt, seit fast anderthalb Jahrzehnten von Aufträgen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leben (S. 31). Da kann und will man es sich nicht mit jeder Kollegin verderben. Im Zweifel sitzen die eigenen Freunde und Bekannten dann eben am Rand des Mainstreams.

teusch_lueckenpresseDass mit der Lücke ist natürlich nicht neu. Ulrich Teusch weiß, dass „jedes Medium“ ein „Lücken-Medium“ ist. „Es kann gar nicht anders sein“ (S. 42). Das Buch geht deshalb weiter, als der Titel vermuten lässt: Teusch meint, dass Nachrichten heute in Deutschland „in ganz bestimmter Weise gewichtet“ werden, „gezielt unterdrückt“ und „in tendenziöser Weise bewertet“ (S. 39-40). Die Einschränkung „heute“ ist wichtig, weil es seiner Meinung nach bessere Jahre gab, die 1960er und 1970er, in denen sich Westdeutschland „Liberalität leisten“ konnte (S. 183). „In spannungsgeladenen Zeiten wie unseren, wenn die Kämpfe, die Konflikte – ob national, europäisch oder global – existentielle Züge annehmen, läuft auch der Mainstream an der kurzen Leine“ (S. 185). Eine spannende These – für Medienkritiker genauso wie für Mediensystemforscher. Was beeinflusst den Korridor der Themen und Meinungen, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden können?

Antworten bekommt Ulrich Teusch von prominenten Interviewpartnern (vor allem Johannes Grotzky, der Hörfunkdirektor beim Bayerischen Rundfunk war; dazu unter anderem Walter von Rossum, Uwe Krüger, Udo Ulfkotte und Jörg Becker), aus der Literatur (zweimal Krüger, Ulfkotte, Julia Cagé, Thomas Meyer, Gabriele Krone-Schmalz, Stefan Schulz, Ulrich Wickert) und von sich selbst. Teusch als aufmerksamer und kritischer Mediennutzer, der notiert, was ihm auffällt. Für empirische Sozialforscher mag diese Art der „Inhaltsanalyse“ merkwürdig sein, für den Leser dieses Buchs aber ist das ein Gewinn. Was für Beispiele. Die drei völlig enthemmten Tagesschau-Minuten nach dem Titelgewinn von Leicester City (S. 49). Gergiev in Palmyra (S. 87-92). Und immer wieder Claus Kleber. Wer sich als mündiger Bürger schon lange von seinen ZDF-Sendungen veralbert fühlt, bekommt hier eine Basis für jede Diskussion – angenehm sachlich, immer abwägend und die Journalisten schützend, wo das denn möglich ist. Nachhilfe in Sachen Medienkompetenz. Und Nachhilfe in Sachen Außenpolitik. Syrien, die Ukraine, Russland. Ulrich Teusch findet die Lücken vor allem in der Außenpolitik, dort, wo jeder Politikwissenschaftler zuerst sucht.

Dass seine Ursachenforschung nicht über das hinausgeht, was zum Beispiel Uwe Krüger angeboten hat, liegt in der Natur der Quellen, die Teusch benutzt. Auch sein Buch hätte „Mainstream“ heißen können, wenn der Titel nicht schon vergeben gewesen wäre. Was bei Krüger „Verantwortungsverschwörung“ heißt, wird bei Ulrich Teusch etwas verwässert zu Vereinnahmung. Rabatte für Journalisten, Nähe zu den Mächtigen in Politik und Medien (Alphajournalisten), der BND, die Kolleginnen und Kollegen. Ergebnis: Journalisten begreifen sich als Partei, als „Teil des Westens“ (S. 110).

Damit er das kritisieren kann, muss Teusch sagen, was für ihn guter Journalismus ist. „Berufsehre“: „ein dominantes Narrativ beharrlich auf den Prüfstand“ stellen und „Tatsachenwahrheiten“ ermitteln. Systematisch „Misstrauen“ entwickeln „gegenüber den Erklärungen“, die die Mächtigen anbieten (S. 120, 206). Ein paar Seiten später wird daraus eine „skeptizistische Grundhaltung“ (S. 127), unterfüttert mit einer schönen Nachrichten-Definition: „News is what somebody does not want you to print. All the rest is advertising“ (S. 125). Sein Rat an uns als Mediennutzer: Nach Interessen fragen („Wer will wem was damit sagen?“, S. 130), „Sprachkritik“ üben (S. 131), Watchblogs anklicken wie zum Beispiel Fazit, auch für diese Seite: „In einer von Medien geprägten Welt kann es gar nicht genug Medienkritik geben“ (S. 10).

Ulrich Teusch: Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten. Frankfurt/Main: Westend Verlag 2016

 

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. September 2016 von in Gelesen und getaggt mit , , , , .

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