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Russland erklären

„Nein, nein. Der Präsident ruft hier nicht an.“ Julia Shevelkina lacht. Sie weiß, was Deutsche denken, die Russia Beyond The Headlines in Moskau besuchen. Der Kreml, natürlich.

Von Michael Meyen

Wie viel Wladimir Putin steckt in der kleinen Schwester von RT? Ist überhaupt vorstellbar, dass der russische Staat Geld in ein Medienangebot steckt, das sich an das Ausland richtet und nicht von ganz oben gelenkt und kontrolliert wird?

Russia Beyond The Headlines wird in 17 Sprachen produziert und passt in ein Großraumbüro. 17 Mini-Reiche auf 200 Quadratmetern. Das deutsche Reich besteht aus drei Redakteuren. Alles junge Leute wie Julia, frisch von der Uni, rekrutiert aus Journalistik-Studiengängen oder von der Lomonossow. In der Mitte ein Kreis für die Chefs, die auch nicht viel älter sind. Wenn fünf Länderteams ein Thema spannend finden, dann wird es gemacht – zunächst auf Russisch. „Es gibt aber auch Themen, die nur für den deutschen Sprachraum interessant ist“, sagt Julia. „Deutsch-russische Beziehungen zum Beispiel.“ Die Texte gehen erst an ein Übersetzungsbüro, dann nach Berlin, wo zwei Muttersprachler sitzen, und schließlich online.

Richtig bekannt ist die Seite nicht. In Deutschland hat Russia Beyond The Headlines 300.000 Leser im Monat. Das sind 10.000 am Tag. Weniger als manche Blogger. Über den Köpfen der Redakteure hängen Bildschirme mit Reichweitenzahlen. Nicht vergessen: Irgendwer klickt uns, immerhin. Julia sagt, man habe keine Vorgaben. Mehr als in den drei Monaten zuvor. Dann gebe es einen Bonus. Auch so sei das Gehalt aber besser als in den meisten anderen russischen Redaktionen.

Julia Shevelkina sieht sich als Grenzgängerin. Russland mit deutschen Augen sehen. Das Land so erklären, dass die Menschen verstehen, was hier vorgeht. Hintergründe liefern, Analysen. Einmal im Monat wird eine Art „Best of“ gedruckt und dem Handelsblatt beigelegt. Partner in England ist The Daily Telegraph und in Frankreich Le Figaro. Zielgruppe: Entscheider und potenzielle Wirtschaftspartner. Die deutsche Ausgabe vom 5. Oktober hat eine riesige Zeichnung von Putin und Erdogan auf dem Titel. Schlagzeile: „Strategische Versöhnung“. In der Mitte gibt es zu diesem „Thema des Monats“ eine Doppelseite: „Der Rubel rollt zwischen Moskau und Ankara“. Wenn das nichts ist.

Russia Beyond The Headlines wird im Moment unter dem Dach der Staatszeitung Rossiskaja Gazeta produziert. Betonung auf „im Moment“ und eine Erklärung für die redaktionelle Freiheit, von der Julia schwärmt. Die Rossiskaja Gazeta hat eine Auflage von 180.000 Exemplaren, den besten Kulturteil im Land und vermutlich andere Probleme als das kleine Internetprojekt oben im Großraum. 2017 soll dieses Projekt mit RT vereinigt werden. Strategisch macht das natürlich Sinn. Nicht einmal Russland braucht zwei Redaktionen, die separat ins Ausland senden. Vielleicht kann Julia dann ja auch mit Putin telefonieren.

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. November 2016 von in Nachgefragt und getaggt mit , , , , .
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