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Pep, Bild und die Exklusivität

Vom Heiland zum Sonderling: Wie die Bild-Zeitung Pep Guardiola umkonstruierte und sich dabei vermutlich auch dafür revanchierte, dass der Trainer keine Interviews gab.

Von Johannes Kirchmeier

Ein Tag im Juni 2013 sollte eine Zeitenwende beim FC Bayern München einläuten: der Tag der Vorstellung des neuen FC-Bayern-Trainers Josep Guardiola. Am 24. Juni 2013 begann die Zusammenarbeit des größten Fußballvereins Deutschlands mit dem damals gefragtesten Trainer der Welt. Nach der Erwartung des Klubs sollte sich im Anschluss eine Symbiose der Erfolgshungrigen bilden. Die Medienvertreter berichteten begeistert, die Süddeutsche Zeitung beschrieb die Ankunft des „Heilands“ Guardiola (25. Juni 2013). 240 Journalisten waren vor Ort. Kein Arbeitsantritt eines Trainers in Deutschland war zuvor ein solches Medienereignis. In seinen drei Jahren in München hat Guardiola den FC Bayern umgestaltet. Er hat ihm seinen unverwechselbaren Spielstil der bedingungslosen Dominanz beigebracht.

Er hat jedoch nicht nur den FC Bayern umgekrempelt, sondern auch die Arbeitsweise der Journalisten. Als erster Bundesliga-Trainer überhaupt verweigerte er den Berichterstattern persönliche Gespräche und Exklusivinterviews. Im Kampf um die Leser von Fußballberichterstattung geht es für die Sportjournalisten jedoch vor allem um Exklusivität (vgl. Meyen und Riesmeyer 2009). Daher habe ich die Frage gestellt, wie die Journalisten von 2013 bis 2016 damit zurechtkamen, über einen Bundesliga-Trainer zu berichten, der nur in Pressekonferenzen mit ihnen sprach und sonstige Kommunikation ablehnte. Kamen die Zeitungen auch ohne persönliche Gespräche zu Exklusivität? Wenn ja: wie?

Dazu habe ich die Berichterstattung der beiden größten deutschen überregionalen Tageszeitungen (Bild, Süddeutsche Zeitung) in einer Diskursanalyse untersucht. Das sind die zentralen Ergebnisse:

  • Eindeutig erkennbar ist eine Wandlung der Wahrnehmung Guardiolas. Anfangs gilt er als großer Taktiker und hoch angesehener Trainer, daher erscheint er in der SZ als „Heiland“. Danach wird er jedoch zunehmend als schwer zu charakterisierender Mann konstruiert, der nach der Macht im Klub greift und als ausländischer Trainer die Identität des FC Bayern umgestalten will. Diese These vertreten im Laufe der Zeit beide Zeitungen (vgl. Bild vom 24. Juli 2015, S. 17, SZ vom 1. August 2015, S. 39). Die Trennung von Trainer und Klub wird daher zur naheliegenden Lösung im Diskurs (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 9. Mai 2016, S. 27).
  • Die fehlenden persönlichen Gespräche mit dem Trainer führen zu Ungenauigkeiten in der Berichterstattung (etwa im Streit des Trainers mit Teamarzt Müller-Wohlfahrt oder bei der Spielweise des Trainers, die die Journalisten beständig „Tiki-Taka“ nennen, was Guardiola gerade nicht spielen lassen will).
  • Weil er selbst sich nicht äußert, wählen die Journalisten Protagonisten, die für Guardiola sprechen und seine Vorstellungen und seinen Zustand beschreiben. Sie eint, dass schon ob ihres Hintergrunds ersichtlich ist, dass sie Guardiola unterstützen. Darunter sind etwa Kapitän Philipp Lahm oder Co-Trainer Hermann Gerland, auf die die SZ vorwiegend zurückgreift. Dementgegen steht die Gruppe der Kritiker (ehemalige Bayern-Spieler und -Trainer wie Stefan Effenberg oder Ottmar Hitzfeld), die meist in der Bild-Zeitung zu Wort kommt. Dieses Blatt steuert am Ende die Meinungsrichtung und beherrscht die Erinnerung. Zusammengefasst: Das Wort von Guardiolas Befürwortern verliert an Gewicht, die Kritik am Trainer übernimmt.
  • Schwer tun sich die Journalisten dabei, Guardiolas Klasse zu erklären. Die Berichterstattung nach Niederlagen fällt ihnen umso leichter: Gefühlsausdrücke oder grimmige Guardiola-Bilder bestimmen die Berichte (vgl. Bild vom 30. April 2014, S. 1). Zudem übernehmen die Zeitungen Guardiolas Alltagssprache zunehmend ironisch (etwa mithilfe des Wortes „Guardiolisch“ in der Bild vom 20. April 2015, S. 17). Dies wirkt wie eine Verballhornung des Trainers, die nach und nach an Stärke gewinnt.
  • Die Aufgabe, Exklusives über Guardiola zu erfahren und die Person den Lesern näher zu bringen, bewältigen die Zeitungen gut. Der Unterschied dabei: Die SZ klopft Guardiolas Umfeld ab (Bar-Besitzer Charles Schumann, Co-Trainer Gerland), und die Bild-Zeitung setzt auf einen „Maulwurf“ im Klub, der Interna ausplaudert. Dieser befeuert Exklusivmeldungen (etwa über Streitigkeiten im Verein oder die Taktik des Trainers), die sich meist zuungunsten Guardiolas auswirken.
  • Geht es darum, Guardiola auch ohne persönliche Treffen so darzustellen, wie ihn Nahestehende charakterisieren, kommt ihm durch die Einschätzungen aus seinem Umfeld niemand so nahe wie die Journalisten der „Seite Drei“ der Süddeutschen Zeitung (vgl. 23. Mai 2016, S. 3).
  • Die Strategien der Journalisten werden zum Ende hin Guardiola-kritischer. Noch bevor der Abgang des Trainers offiziell bekannt wird, ergreift die Bild-Zeitung im Dezember 2016 schon Partei für seinen Nachfolger. Und Journalisten eines „auflagenstarken Blattes“ offenbaren nach Angaben des Guardiola-Biographen Martí Perarnau (2016, S. 19) eine äußerst zweifelhafte Berufsauffassung. Ihr Angebot, das Guardiola ausschlägt: ein Interview gegen unkritische Berichterstattung. Dazu nur so viel: Die Kritik am Trainer wird wie erwähnt zum Ende heftiger. Der Name des „Blattes“ ist nicht bekannt.

Zusammengefasst: Die Amtszeit von Pep Guardiola in München war für die Printmedien eine neue Situation. Ihr Hauptprotagonist der Berichterstattung über den größten deutschen Fußballverein stand ihnen nicht exklusiv zur Verfügung. Aber so wie sich ein Umgezogener auf die neue Umgebung einstellen muss, stellten sie sich darauf ein, dass der Zugezogene nur in Pressekonferenzen mit ihnen sprach. Dabei gelang nicht alles, sie kamen mit der Situation jedoch im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut zurecht und schafften es auch, Exklusivmeldungen über Guardiola und den Verein zu recherchieren und zu veröffentlichen.

Ob Guardiola in Deutschland ein weiterer Trainer mit einem Gesprächsboykott folgt, ist noch nicht abzusehen. Er könnte aber tatsächlich ein „Trendsetter“ gewesen sein. Denn immer mehr Vereine vergrößern ihre Presseabteilungen und stellen ihren Anhängern so ihre Interviews mit Vereinsangehörigen selbst zur Verfügung.

Literatur

Meyen, Michael und Riesmeyer, Claudia (2009): Diktatur des Publikums. Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.

Perarnau, Martí (2016): Pep Guardiola. Das Deutschland-Tagebuch. Wals: Ecowin.

SZ Digital (2016): Süddeutsche Zeitung. Die Pep-Jahre. 24. Mai 2016 (25.12.2016)

 

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Februar 2017 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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