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Lichtgestalt im Zwielicht

Franz Beckenbauer galt in der Öffentlichkeit als nationaler Held und Fußballkaiser. Wie sich die Berichterstattung über ihn im Zuge der Affäre um die Vergabe der FIFA WM 2006 verändert hat.

Von Yannick Eberhardt

Franz Beckenbauer war stets so etwas wie das positive Aushängeschild Deutschlands in der ganzen Welt. Zu seiner aktiven Zeit bewunderten die Zuschauer weltweit seinen aufreizend lässigen und eleganten Spielstil, gekrönt vom Weltmeistertitel 1974 im eigenen Land. Als Trainer führte er die deutsche Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel 1990 und als dauergrinsender Deutschlandbotschafter überzeugte er aller Herren Länder von einer Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, hier häufig zum „Sommermärchen“ hochstilisiert.

Enthüllungen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel warfen im Oktober 2015 jedoch lange Schatten auf die Lichtgestalt. In einer Titelgeschichte wurde die Theorie einer gekauften WM 2006 mit schwarzen Kassen aufgeworfen und Beckenbauer schwer belastet. Der Kaiser sah sich erstmals einer breiten Opposition und konkreten Vorwürfen zu einem Missverhalten gegenüber. Das Spannungsfeld zwischen dem Nationalhelden und dem Verbrecher Beckenbauer prägte in der folgenden Zeit die Medienberichterstattung über ihn.

Mittels einer Diskursanalyse anhand der Formationsregeln Michel Foucaults wollte ich ergründen, wie die Person Beckenbauer in den Tagen nach der Enthüllung in deutschen Medien konstruiert wurde. Die Untersuchung von 29 Artikeln aus der Süddeutschen Zeitung, der taz und der Bild-Zeitung sollte verschiede Ebenen der Dekonstruktion behandeln, neben einer inhaltlichen Ebene auch eine rhetorische und strategische.

Das Resultat: Es gab zwei gegenläufige Diskurse. Im Hauptdiskurs, der in der SZ und taz zu finden war, wird Beckenbauer vor allem als Verbrecher angeklagt, der in der WM-Affäre die Hauptschuld trägt. Der Gegendiskurs hingegen, von Beckenbauers Hofberichterstattern der Bild-Zeitung konstruiert, verlagert die Schuldfrage auf andere Personen und Institutionen und stellt vor allem den Menschen Beckenbauer in den Vordergrund. Die Merkmale von Haupt- und Gegendiskurs möchte ich gerne gegenüberstellen.

Der Hauptdiskurs: Der angeklagte Verbrecher Franz Beckenbauer

Wird in diesem Hauptdiskurs von Franz Beckenbauer gesprochen, so bedeutet dies eine komplette Relativierung des zuvor bekannten Diskurses. Aus dem Fußballstar und der Lichtgestalt wird in diesem Diskurs eine Anklage, die sich gegen einen Verbrecher richtet. Beckenbauer wird zum Hauptschuldigen der WM-Affäre, dessen Einlassungen und Aussagen stets als unzureichend beurteilt werden. Thematischer Schwerpunkt sind die aktuellen Entwicklungen in der WM-Affäre, die häufig direkt auf Franz Beckenbauer bezogen werden. Beckenbauer ist so das thematische Zentrum verschiedener Vorgänge und Personen. Alles kann auf Beckenbauer bezogen werden.

Auffällig ist, dass nur die Journalisten selbst legitime Sprecher dieses Diskurses sind und den Diskurs prägen dürfen. Beckenbauer und weitere Beteiligte am Skandal hingegen werden aufgrund ihrer kriminellen Neigungen als Sprecher ausgeschlossen.

Während aktuelle Geschehnisse häufig ruhig und sachlich dargestellt werden, wird die Anklage gegenüber Beckenbauer durchaus scharf und mitunter auch zynisch geführt. Die ausgestellte „Lizenz zum Dummschwätzen“ oder das ausgerufene „Gagareich“ (jeweils Krauss, taz, 28. Oktober 2015, S. 19) sind ebenso mustergültig hierfür wie die Kritik an der „Zwielichtgestalt“ (Kopp, taz, 11. November 2015, S. 19)

Die Konstruktion Beckenbauers als Hauptbeschuldigtem dient vor allem dazu, den Druck auf Beckenbauer in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Ziel ist eine möglichst schnelle Aufklärung der Vorgänge um Franz Beckenbauer und die WM 2006.

Gegendiskurs: Der nicht anzufechtende Kaiser und Mensch Franz Beckenbauer

Der Gegendiskurs zeichnet Franz Beckenbauer weiterhin als Helden, der im Moment lediglich eine schwierige Phase durchmacht. Die Vorwürfe des Hauptdiskurses werden zwar aufgenommen, doch Beckenbauer wird hier verteidigt. Das Denkmal Beckenbauer wird nicht umgestoßen, stattdessen ist Beckenbauer ungeachtet der Vorwürfe weiterhin Kaiser und Lichtgestalt.

Thematisch fällt auf, dass viele Randthemen der Affäre aufgegriffen werden (FIFA-Skandal, Wolfgang Niersbach) und von Beckenbauer vor allem private und persönliche Themen behandelt werden.

In diesem Diskurs sind nicht nur Journalisten legitime Sprecher, sondern auch Zeugen Beckenbauers. Viele Weggefährten, die ihn bei Erfolgen und Triumphen begleitet haben, bezeugen seine Unschuld und seinen unveränderten Status als Nationalheld.

Entgegen des Hauptdiskurses sind Tonalität und Rhetorik mitfühlend, emotional und mitunter auch voller Bewunderung für Beckenbauer. In die Affäre geschlittert und kein Hauptschuldiger – es entsteht geradezu Mitleid mit Franz Beckenbauer.

Strategisch gesehen bedeutet diese Verteidigung Beckenbauers den Versuch einer Reinwaschung. Nichts soll den Helden beschmutzen und an seinem Status kratzen können. Der Kaiser ist unantastbar und wird genau so dargestellt. Für Untaten kann nur das einfache Fußvolk zuständig sein.

Was bleibt?

Wägt man beide Diskurse gegeneinander ab, so zeigt sich, dass der Kampf um die Wahrheit so lange zwischen beiden Richtungen ausgefochten wird, bis es wirklich belastbare Beweise für eine Schuld oder Unschuld Beckenbauers gibt. Basiert die Affäre jedoch weiterhin auf Vermutungen und Interpretationen, so haben beide Diskurse eine Existenzberechtigung, denn auch in der breiten Bevölkerung finden beide Varianten mehr oder weniger Anklang. Als tatsächliche Lösung der Affäre erscheint nur eine umfassende Aussage Beckenbauers sinnvoll. Diese ist jedoch im Dschungel der Lügen und Betrügereien von FIFA, DFB und den Beteiligten der Affäre mehr als unrealistisch und fernes Wunschdenken. Daher muss sich jeder selbst ein Bild von der Person Beckenbauer machen und kann hierzu auch die Erkenntnisse dieser Untersuchung heranziehen.

 

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Februar 2017 von in Allgemein, Gelesen und getaggt mit , , , , , , .

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