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Freund oder Feind?

Kriegsrhetorik und Körpersymbole: Eine Diskursanalyse untersucht, wie der Islam nach Köln zur Bedrohung wurde.

Von Johanna Felber

Die Flüchtlingskrise hat in Deutschland eine heftige Debatte ausgelöst, über Migration, Integration und Kultur. Die einen sagen, dass Migranten unsere Gesellschaft bereichern. Andere wiederum sehen in der vermehrten Zuwanderung von muslimisch geprägten Flüchtlingen eine starke Gefahr für westliche Werte. Aber was stimmt? Oder besser: Welche „Wahrheit“ wird in deutschen Medien vermittelt?

Um die medialen Realitätskonstruktionen zu identifizieren, habe ich 20 Artikel aus fünf überregionalen Tages- und Wochenzeitungen untersucht (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, BILD-Zeitung, Spiegel und Focus). Als Untersuchungswerkzeug diente die Diskursanalyse, die Michel Foucault in seiner „Archäologie des Wissens“ entwickelt hat. Über die Themen, die Sprache, die Sprechenden und die Argumentationsstrukturen in Artikeln, die den Islam thematisieren, sind bestimmte Muster im Diskurs zu erkennen. Diese lassen wiederum Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Wahrnehmung des Islam zu. Untersuchungszeitraum: 1. Januar 2016 (also kurz nach den Ereignissen von Köln) bis 30. April 2016 (kurz nach den Terroranschlägen von Brüssel). Folgende Motive dominierten die Berichterstattung:

  1. Der Islam ist keine homogene Weltanschauung, sondern teilt sich in eine radikale und eine liberale Strömung. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung als Teil des westlichen Wertesystems ist ein grundlegendes Unterscheidungsmerkmal zwischen der arabischen und der westlichen Welt. Das aufgeklärte Europa wird dabei zur Schutzzone für Freiheitsrechte, wie beispielsweise Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Islamischen Staaten wird dagegen zu viel Autorität und zu wenig Säkularität vorgeworfen, da sie islamische Regeln über weltliche stellen. Jedoch gewinnt die Sichtweise auf den Islam als Religion und weniger als politischer Einflussfaktor an Bedeutung. Es wird klar zwischen dem fundamentalistischen, nicht mit der Demokratie vereinbaren Islam und dem liberalen, rein religiösen Islam unterschieden. Wichtig ist vor allem die Möglichkeit zur Kritik am Islam, sowohl durch die westliche als auch die arabische Welt.
  2. Der Islam erzeugt eine stark patriarchale, frauenfeindliche und gewalttätige Sozialisierung arabischer Männer, die nicht mit der westlichen Werteordnung vereinbar ist. Durch die Ereignisse der Silvesternacht in Köln ist das muslimische Frauenbild stark in den Fokus der Medien gerückt. In der Bericherstattung wurde danach ebenfalls über Übergriffe in Ägypten und Marokko berichtet, womit der Link zur Sozialisation in arabischen Ländern gesetzt werden konnte. Auffällig war, dass in diesem Zusammenhang fast ausschließlich vom barbarischen arabischen Mann die Rede war, wobei muslimische Frauen die Opferrolle einnahmen.
  3. Die Verwendung bestimmter Begriffe aus der Kriegs- und Körpersymbolik legen die Notwendigkeit einer drastischen Abwehrreaktion nahe. Im Zusammenhang mit dem Islam werden häufig Wörter aus der Kriegsrhetorik verwendet, die (selbst wenn der Inhalt Gegenteiliges behauptet) den Islam mit einem zu bekämpfenden Feind gleichstellt: westliche Werte müssen „beschützt“ werden (FAZ, 11. Januar 2016);dem Islam muss „Einhalt geboten“ werden (BILD, 4. Februar 2016); westliche Werte als die „Hauptfeinde“ des Islam (FAZ, 11. Januar 2016). Bei Berichten über die sexuellen Übergriffe auf Frauen ist dagegen im Rahmen der Körpersymbolik deutlich zu sehen, wie durch die Sprache eine zusätzliche Nähe zu den Opfern geschaffen und gleichzeitig die Brutalität der Täter betont wird. Der Körper wird dabei zur Analogie für die Gesellschaft, die durch Krankheiten oder andere körperliche Bedrohungen gefährdet wird. Die deutsche Gesellschaft wird konfrontiert mit „einem außer Rand und Band geratenen Islam, dessen Schizophrenie sich diesmal vor dem Kölner Hauptbahnhof ausgetobt hat“ und gegen den es „nur ein Mittel“ gibt (FAZ, 11. Januar 2016) – Kritik, obwohl er „taub für jeden Dialog“ sei. Dadurch wird der Eindruck einer homogenen muslimischen (und einer homogenen westlichen) Gemeinschaft erzeugt, der allerdings im Widerspruch mit dem steht, was bereits in den ersten Thesen festgestellt wurde: dass der Islam als zweiteiliges System betrachtet wird, dessen radikale Strömungen vehement abgelehnt, dessen liberalere Auslebung aber als Teil der westlichen Gemeinschaft verstanden wird. Auch hier stehen also Sprache und Gesprochenes im Widerspruch zueinander. Dadurch, dass beide Symboliken eine existenzielle Gefahr für den eigenen Körper bedeuten, überträgt sich diese „Erfahrung“ auf die Wahrnehmung des Islam als ebenfalls existenzielle Gefährdung der deutschen Gesellschaft.
  4. Legitime Sprecher haben zwar oft einen islamwissenschaftlichen Hintergrund oder eigene Erfahrungen mit dem Islam, stehen aber trotzdem in enger Verbindung zu westlichen Werten. Die Autoren von SZ, FAZ und Spiegel weisen auffällig häufig eine islamwissenschaftliche Vorbildung oder journalistische Arbeitserfahrungen in arabischen Ländern auf oder kommen aus arabischen Ländern und haben im Westen studiert oder sind in westliche Staaten eingewandert. Dadurch haben alle Autoren trotz ihrer Nähe zum Islam eine stark westliche Prägung, die durch die Konstruktion eines zweigeteilten, „guten und bösen“ Islam zum Ausdruck kommt. Trotzdem hat die Notwendigkeit zur Integration muslimischer Einwanderer einen hohen Stellenwert.

Auffällig am momentanen Islamdiskurs ist die Unvereinbarkeit islamischer und westlicher Werte. Ihr Aufeinandertreffen bringt die westliche Kultur in existenzielle Gefahr. Zwar gibt es durch die Zweiteilung in einen „guten“ und einen „bösen“ Islam zumindest die Möglichkeit, einen Teil des Islam im Westen akzeptieren zu können. Allerdings steht die verwendete Kriegs- und Körpersymbolik im Widerspruch dazu. Dass der Islam darüberhinaus als politisches Programm und weniger als Religion begriffen wird, konstruiert die Gefahr, die von ihm ausgeht, als eine, die nicht nur die Gesellschaft bedroht, sondern den gesamten deutschen Staat. Gegenstimmen dazu gibt es – zumindest in den fünf untersuchten Leitmedien – nur wenige.

Um die Vorbehalte gegenüber den Flüchtlingen, die momentan in Deutschland leben, und deutschen Muslimen auszuräumen, ist eine Ausdifferenzierung des Diskurses dringend notwendig. Wichtig wäre hier vor allem, den Islam weniger mit Negativthemen wie Terrorismus, Gewalt und Frauenfeindlichkeit in Verbindung zu bringen und die Sprache dem anzupassen, was inhaltlich ausgesagt werden soll: dass der Islam schon jetzt in Deutschland integriert ist und nicht per se im Widerspruch zu westlichen Werten steht. Im Gegenteil, dass der Islam wie das Christentum eine von vielen religiösen Strömungen in Deutschland darstellt. Durch die Unterscheidung zwischen einem liberalen und einem dogmatischen Islam ist ein erster Schritt getan, um religiösen Fundamentalismus von Religion zu trennen.

Titelbild: © Jonah Bettio

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. März 2017 von in Gelesen und getaggt mit , , , , , , , , .

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