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Kuba und die USA: „treue Feinde“ oder „entfernte Freunde“?

Wandel oder Stagnation: Eine Diskursanalyse zeigt, wie die kubanische Tageszeitung Granma über die Vereinigten Staaten berichtet.

Von Michaela Schwinn

Kuba öffnet sich, sehr langsam und behäbig, aber deutlich spürbar. Seit Raúl Castro seinen Bruder Fidel an der Staatsspitze abgelöst hat und die USA auf eine Annäherungspolitik setzen, befindet sich der sozialistische Inselstaat im Wandel: Wirtschaftsreformen wurden eingeleitet und auch politisch zeigt sich die Regierung offen für eine Annäherung an den früheren Erzfeind, die USA. Aber hat sich auch die kubanische Berichterstattung über die Vereinigten Staaten geändert?

Um diese Frage zu beantworten, habe ich 41 Artikel der kubanischen Tageszeitung Granma untersucht (Zeitraum: 21. Januar 2009 bis 23. Juni 2017). Über eine Diskursanalyse, die an Michel Foucault angelehnt ist, sollen die in der Berichterstattung vorherrschenden Diskurse herausgefiltert werden. Die Ergebnisse in Kurzform:

  1. Die Beziehungen zwischen Kuba und den USA werden als stagnierend dargestellt. Der Tenor der Granma über alle Zeitabschnitte hinweg ist, dass sich das Verhältnis seit 1961 (Invasion in der Schweinebucht) oder sogar seit 1891 (Ende der spanischen Vorherrschaft) nicht verändert hat. Und das obwohl im Untersuchungszeitraum entscheidende Ereignisse stattfanden: zum Beispiel der Besuch Obamas oder die Wiedereröffnung der US-amerikanischen Botschaft in Kuba. Die USA werden immer noch als Großmacht dargestellt, die nur ihre imperialen Interessen durchsetzen will. Obama wird zwar als intelligent und besonnener als seine Amtsvorgänger beschrieben, seine Politik sei aber die gleiche wie immer. Er wird als Blender dargestellt, seine Annäherungspolitik als reines Schauspiel.
  2. Die kubanisch-US-amerikanischen Beziehungen werden immer in Bezug zur Vergangenheit gesetzt. Dass bedeutet, dass auch bei aktuellen Themen nicht darauf verzichtet wird, auf vergangene Ereignisse (besonders auf die Invasion in der Schweinebucht oder die kubanische Revolution) zu verweisen. Außerdem finden sich in der Granma Artikel, die sich nur mit der Vergangenheit beschäftigen. Diese geschichtlichen Bezüge tragen erheblich zur Konstruktion des USA-Bildes bei. Oft werden nämlich direkte Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt und unterschiedliche Ereignisse in einen Topf geworfen. Dadurch werden die zeitlichen Grenzen verwischt. Bevor ein aktuelles Thema besprochen wird, zählen die Autoren häufig Vergehen und Verbrechen aus der US-amerikanischen Geschichte auf. Ob diese Kuba direkt betroffen haben oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Ziel könnte sein, die Annäherungspolitik Obamas in ein schlechtes Licht zu rücken.
  3. In der Berichterstattung der Granma wird immer wieder der Gegensatz zwischen den beiden Ländern herausgestellt. Dies geht über eine reine Kontrastierung Kubas von den USA hinaus, denn die Gegenüberstellung enthält immer auch eine Wertung. Im direkten Vergleich werden die Vereinigten Staaten gegenüber Kuba abgewertet. Dies spiegelt sich vor allem in der Wortwahl und dem Aufbau von Argumenten wider. Das medizinische, politische und wirtschaftliche System Kubas übertreffe das der USA, heißt es in den Artikeln. Da die USA als rückschrittlich und schlecht dargestellt werden, ergibt sich automatisch ein positives Selbstbild Kubas. Das entspricht der Othering-Theorie, die besagt, dass sich das Selbst nur über die Abgrenzung von einem Anderen konstruieren lässt. Oft werden die Vereinigten Staaten zudem als Supermacht dargestellt, als Goliath sozusagen, gegen die Kuba als David kämpfen muss. In dieser Rhetorik ist Kuba ein kleines Land der Dritten Welt, das dem mächtigsten Staat der Welt gegenübersteht. Aber genau wie David gegen Goliath siegte, hat Kuba immer gegen die USA gewonnen und wird sich auch in Zukunft nicht bezwingen lassen, so die Kernaussage in der Berichterstattung der Granma.

Die Frage, ob die Annäherungspolitik Obamas einen Einfluss auf die kubanische Berichterstattung hat, kann deutlich mit einem „Nein“ beantwortet werden. Die Berichterstattung ist rückwärtsgewandt und distanzierend. Die Perspektive der Autoren ist sarkastisch, kritisch, emotional und provozierend, kaum wird neutral über die Vereinigten Staaten berichtet. Die stetigen Rückgriffe auf historische Ereignisse wie die Invasion in der Schweinebucht oder das Platt-Amendment nehmen genauso viel Platz in der Zeitung ein wie aktuelle politische Entscheidungen.

Obwohl Donald Trump und Barack Obama eine völlig unterschiedliche Einstellung zur Kuba-Politik haben, ist die Berichterstattung über die USA während beider Präsidentschaften beinahe identisch. Woran liegt es also, dass die politische Öffnung nicht auch eine Öffnung der Berichterstattung mit sich brachte? Die Abgrenzung von den Vereinigten Staaten legitimiert das politische und wirtschaftliche System Kubas. Vermutlich würde mit dem Feindbild USA ein Teil des kubanischen Selbstbildes wegfallen.

Titelbild: US-Präsidenten im Revolutionsmuseum in Havanna, Michael Meyen (2015)

Die komplette Arbeit: Medienrealität

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. August 2017 von in Gelesen und getaggt mit , , , , .

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