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Pflegenotstand: Großes Thema – klein gemacht

Die Mainstream-Medien behandeln den Pflegenotstand nicht annähernd so ausgiebig, wie er es verdienen würde – nämlich als drohende soziale Katastrophe.

Von Michael Sterr

Eine Recherche in der Woche vom 17. bis zum 23. Juni 2019 ergab ein kaum differenziertes Bild der Pflege und des Pflegenotstands in den Mainstream-Medien. Man gewinnt den Eindruck, Medien und Politik behandelten das Thema ein wenig wie den Klimawandel vor „Fridays for Future“ – „zweifellos ein ernstzunehmendes Problem, aber das klären wir später…“. Während (von der AfD abgesehen) alle großen Parteien den Klimawandel als ernste Herausforderung anerkannt haben, gehen große Medienhäuser wie die BBC noch weiter und erlassen hausinterne Richtlinien für die Berichterstattung. Stichwort: Leugner unerwünscht. Derlei Entwicklungen wären noch vor fünf Jahren eher unwahrscheinlich gewesen.

Davon sind Journalistennoch weit entfernt, wenn sie über die Pflege schreiben. Immerhin dreimal in dieser Woche schafften es die von Arbeitsminister Heil (SPD) geplanten Gehaltsanpassungen von Altenpflegern durch Tarifbildung in die überprüften Medien (Tagesschau, Süddeutsche Zeitung, Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Merkur). Exemplarisch werden hier die Beiträge aus der Tagesschau und der Süddeutschen Zeitung analysiert.

Die Tagesschau vom 20. Juni räumt dem Thema zwar drei Minuten ein. Die Situation der Pflegekräfte wird dabei aber nur für etwa dreißig Sekunden berührt. Das unausgewogene Verhältnis zwischen 35.000 unbesetzte Pflegestellen und den Maßnahmen der Bundesregierung (Neuschaffung von 8.000 Stellen) bleibt unerwähnt. Obwohl dieser Umstand der Bevölkerung seit einer kleinen Anfrage an den Bundestag vom 23. April 2018 bekannt ist. Interessant wäre auch ein Bericht zu der Frage, was der Pflege 8.000 neue offene Stellen nutzen sollen, wenn man die eigenen Leute nicht mehr im Beruf halten kann.

Aber andere Fragen waren wahrscheinlich dringlicher. Zum Beispiel der geplante Eingriff in die Tarifautonomie. Der Vorstandsvorsitzende des Roten Kreuzes, Christian Reuter, sagt in einem Interview für diesen Beitrag in der Tagesschau, dass es nicht Aufgabe der Bundesregierung sei, sich in Tarifverhandlungen einzumischen. Überraschenderweise äußern sich Vertreter der Arbeitnehmerverbände nicht in dieser Weise.

Auch die Frage, wer denn nun die Mehrkosten tragen soll, wird von der Tagesschau vorrangig behandelt. Zurecht. Erstens wird über den Finanzierungsplan Heils in einer Pressemitteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales nichts Genaueres bekannt. Zweitens ergab eine Erhebung 2017,  dass in Deutschland etwa 3,4 Millionen Menschen pflegebedürftig sind – Tendenz stark steigend. Da dies statistisch mehr Menschen sind, als in Pflegeberufen arbeiten, ist die Frage nach der Bezahlung der geplanten Maßnahmen der Regierung von größerem öffentlichen Interesse. Wenn klar wird, dass nicht die Heimbewohner die Mehrkosten tragen müssen, wie die Tagesschau in ihrem Beitrag berichtet, ist der Zuschauer beruhigt. Der Umstand, dass 8.000 Planstellen nicht einmal eine Pflegekraft mehr für jedes der insgesamt über 14.000 Pflegeheime im Land bedeuten, interessiert dann nicht mehr so stark.

Die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 21. Juni 2018 widmete dem Thema den vierten von insgesamt acht Artikeln in der Rubrik „Innenpolitik“. Der Artikel wurde unter dem Titel „Pflegekräfte sollen besser bezahlt werden“ (Betonung als sachlicher Bericht, nicht etwa als Aufforderung) veröffentlicht. Er ist fünf Absätze lang und ohne Bild – layout-technisch eindeutig kein Eye-Catcher. Autorin ist Kristiana Ludwig aus der Wirtschaftskorrespondenz in Berlin. Sie studierte Politik- und Islamwissenschaft.

Würdig dem Amte einer Wirtschaftskorrespondentin widmete sich Kristiana Ludwig schnell der Frage nach der Finanzierung der geplanten Maßnahmen. Auch hier: vergebliche Suche nach einer Beschreibung der Situation im Land oder der, in der sich die Pflegenden im Land befinden. Kein Wort über unbezahlte Überstunden, mangelnde Freizeit und allgemeiner Erschöpfung im Beruf. Stattdessen liefert die Autorin die gleiche Zusammenfassung wie die Tagesschau. Die geplanten Maßnahmen des Arbeitsministers, der Widerstand der Arbeitgeberverbände und die Angst der Interessenvertretung von Patienten, dass Mehrkosten auf die Heimbewohner zukommen könnten, da die Finanzierung im Plan des Ministers noch nicht eindeutig geklärt ist.

Interessant ist hierbei, dass Rainer Brüderle in seiner Funktion als Mitglied im BPA-Arbeitgeberverband die Pläne von Heil als „reine Symbolpolitik“ kritisieren darf und damit sogar zitiert wird. Vielleicht setzen die Ressortleitung und die Autorin voraus, dass der Leser weiß, dass Brüderle seit Jahren FDP- und Bundestagsmitglied ist. Dass er sich aber bereits 2010 gegen jeden Mindestlohn in der Pflege stemmte, damals noch als Wirtschaftsminister, kann man beim Leser nicht mehr als Allgemeinwissen voraussetzen. Es passt zwar zum Grundton des Artikels und der Ausrichtung des Blatts, ein FDP-Mitglied zu Wort kommen zu lassen, aber die Frage, ob Altenpfleger besser bezahlt werden sollten, kann nicht nur wirtschaftlich betrachtet werden. Schon gar nicht wirtschaftsliberal. Hier ist man noch von dem Level entfernt, das man beim Klimawandel in vielen Mainstream-Medien schon erreicht hat. Dort hat man mittlerweile erkannt, dass man drohende Katastrophen global betrachten sollte. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise widmet dem Klimawandel als „größte globale Herausforderung“ mittlerweile eine eigene Onlinerubrik.

Eigentlich gilt hier genau die gleiche Devise: Gute Pflege ist nicht nur eine Frage des Geldes. Durch die Berichterstattung über die Angst der Patientenschutzverbände hinsichtlich der Mehrkosten für Heimbewohner oder deren Angehörige wird das Schwinden der Solidarität mit Pflegekräften in Kauf genommen. Sobald Heimbewohner und ihre Angehörigen sich mit Mehrkosten konfrontiert sehen, sind sie vielleicht geneigt, Pflegekräften das Recht auf bessere Bezahlung abzusprechen – vielleicht sogar dafür politisch aktiv zu werden. Die meisten Menschen engagieren sich erst politisch, wenn dem eigenen Habitat Veränderung droht. Unterm Strich fühlt man sich als Angehöriger der verschiedenen Pflegeberufe von Kristiana Ludwig nicht verstanden.

Man fühlt sich nach der Lektüre von Ludwigs zweitem Beitrag in derselben Ausgabe der SZ nur bedingt besser verstanden. Ihr „Standpunkt“ trägt den Titel „Tücken im System – Wer Pflegekräfte besser bezahlt, muss über Finanzierung reden“. Es ist der sechste von insgesamt zehn Beiträgen in der Rubrik „Meinungen“. Er ist drei Absätze lang – wiederum ohne Bild. „Das Leben in einem Altenheim kann trostlos sein. Besonders dann, wenn die Mitarbeiter kaum noch Zeit finden, um sich mit den Bewohnern zu beschäftigen.“ So beginnt der Artikel. Dies lässt beim Leser den Eindruck entstehen, Melancholie sei das größte Problem von Heimbewohnern.

Es stimmt – das Leben als Altenheimbewohner oder Patient kann trostlos sein. Mit Zunahme des Pflegenotstands wurde es auch gefährlicher. Der Mangel an qualifiziertem Personal führt zu bedenklichen Fehlern bei der Versorgung der ihnen anvertrauten Menschen. Patienten oder Bewohner, die stundenlang in ihren eigenen Ausscheidungen liegen, weil keine Zeit für die Versorgung ist. Oder das Prinzip der „Katzenwäsche“, bei der morgens schnell Gesicht und Intimbereich des Patienten/Bewohners gewaschen werden, wenn es eilig ist. Es ist oft eilig… Ab und zu auch zu eilig, den Patienten/Bewohnern in Ruhe das Essen zu geben. Und das sind nur Beispiele für unangenehme Situationen. Gefährlich wird es, wenn Einschränkungen für die Gesundheit des Patienten /Bewohners durch fehlerhafte Betreuung auftreten. All-Time-Favorit der Szene: der Dekubitus. Ein Druckgeschwür, das auftritt, wenn Patienten im Liegen und Sitzen zu lange in derselben Position verbleiben. Eigentlich einfach vorzubeugen – leichte Positionsveränderungen und die Haut bleibt intakt. Dieser Exkurs nur zum Thema Probleme im Alltag in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Emotionale Vereinsamung ist zwar das Lieblingsthema der Presse, aber nicht das zentrale und einzige Problem.

Immerhin führt Kristiana Ludwig die erwähnte Trostlosigkeit als Rechtfertigung für die geplante Lohnerhöhung an. Allerdings geht es im Anschluss wieder mit der Finanzierungsfrage weiter. Hier beweist Ludwig nun etwas Fachkenntnis. Sie verweist auf die schwierige Situation Heils bei der Einmischung in die Tarifautonomie und mahnt, dass Pflegekräfte sich in Deutschland viel stärker organisieren müssten, um für die eigenen Interessen einstehen zu können. Es stimmt, die wenigsten Pflegekräfte im Land sind Mitglieder in Gewerkschaften. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber trotzdem hält sich Kristiana Ludwig hier an die Koryphäen der Pflegeforschung, die auch seit Jahren eine stärkere Organisation der Pflege fordern. Dies sei eine Bedingung dafür, als Berufsgruppe ernst genommen zu werden.

Bei der Recherche für diesen Artikel fällt auf: Viele Mainstream-Medien berichten positiv über die Verbesserung der Situation der Pflege. Die metreffenden Artikel im Merkur, in der Süddeutschen Zeitung, in der Tagesschau oder in der Zeit sind vorwiegend positiv konnotiert. Eine Ausnahme bildet hier nur die FAZ, deren Artikel eher in die von Rainer Brüderle schon vorbereitete Kerbe schlagen. Sie berichten nur nicht oft genug und bestimmt nicht so ausführlich, wie die Situation es erfordern würde. Oft, so scheint es, werben die Journalisten für die Maßnahmen der Regierung, ohne zu reflektieren, ob diese überhaupt ausreichen.

Nina Rammler, eine Kollegin des Autors, hat im letzten Jahr ihre Abschlussarbeit für den Fort- und Weiterbildungskurs für Anästhesie- und Intensivpflege am Klinikum der Universität München veröffentlicht. Die Arbeit war sehr erfolgreich und erzielte in der Branche ausschließlich positive Resonanz. Sie trägt den Titel: „Sind wir noch zu retten? – Wer pflegt uns 2050?“ Sie beschreibt, wie im Zuge des demografischen Wandels bei gleichen Bedingungen im Beruf die Personalnot im Bereich der Pflege auf fast 500.000 offene Stellen anwachsen könnte.

Auch in der Klimaberichterstattung ist man, wie bereits beschrieben, mittlerweile zur Erkenntnis gekommen, dass es keine schlechte Strategie ist, dem Leser Angst vor der Zukunft zu machen, um zur Umkehr zu animieren. Im SZ-ArtikelWie Domino-Effekte den Planeten in eine Heißzeit treiben können“ schreiben die Autoren unverhohlen von einer Bedrohung für die Lebensbedingungen des Menschen, wenn kein Umdenken stattfinden sollte. Deshalb darf man den letzten Artikel dieses Beitrags als Aufforderung an die Leitmedien verstehen, ihre Berichterstattung über den Pflegenotstand zu intensivieren. Die Folgen des Personalnotstands könnten verheerend sein. Es geht hier tatsächlich um Menschenleben.

Hinweis zur Transparenz: Der Autor dieses Beitrags arbeitet selbst seit sechs Jahren in der Pflege.

 

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Juli 2019 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , .
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