Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Sudan vs. Notre-Dame

Ein Massaker in Afrika, ein Kirchenbrand nebenan – und was daraus in den Medien wird.

Von Simona Bliznakova

Über 700 Verletzte, mindestens 118 Tote, rund 70 Vergewaltigungen und kein Aufmacher. Ein Verletzter und ein Dachbrand einer 800-Jährigen Kirche reichen vollkommen für Schlagzeilen, Reportagen, Experteninterviews, melancholische Kommentare, Berichte und Bilder. Von welcher Kirche ist hier die Rede? Sie wissen es schon, denn die Medien haben sich darum gekümmert. Als das Dach von Notre-Dame in Flammen aufgegangen ist, sorgten die deutschen Medien für eine intensive und umfassende, wenn nicht sogar für eine leicht übersättigte Berichterstattung.

Hinsichtlich des anderen Geschehens muss ich Ihnen erklären, worum es geht, da die Leitmedien an dem Ereignis vorbeigegangen sind. Es handelt sich um ein Massaker im Sudan, dem Anfang Juni zahlreiche Männer, Frauen und Kinder zum Opfer gefallen sind. Tausende Sudanesen sind auf die Straßen gegangen und haben gegen den früheren Milizenchef Hemeti demonstriert. Innerhalb von zehn Tagen sind rund 118 Menschen im Namen der Demokratie ums Leben gekommen. Männer und Frauen wurden vergewaltigt, Krankenhäuser und Schulen angegriffen, das Internet – weitgehend abgeschaltet. Mehr geht es eigentlich nicht. Eine angemessene Berichterstattung hat trotzdem in Deutschland nicht stattgefunden.

Die tödlichen Demonstrationen vom 3. Juni waren am nächsten Tag als Meldungen und kleine Beiträge am unteren Ende der ersten Seite der FAZ sowie am Rande der ersten Seite der SZ zu finden. Der vollständige Artikel der SZ erscheint erst auf Seite 7. Der Titel „Revolution auf der Kippe“ spricht für eine kritische, unsichere Lage, aber nicht für eine äußerst gefährliche. Schon am Montag wurden jedoch mindestens 30 Leute umgebracht. „Auf der Kippe“? Der Artikel konzentriert sich allerdings auf das Militärregime, auf die politische Lage während der Amtszeit des früheren Präsidenten Omar al-Baschir sowie auf ähnliche Demonstrationen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Nicht zu vergessen ist auch die Tatsache, dass das Massaker an einem der größten muslimischen Feste passiert sind – nämlich an Eid al-Fitr. In der deutschen Berichterstattung wurde jedoch gar nicht vermerkt, dass Leute an ihrem Religionsfest um ihr Leben fürchten mussten und dass tatsächlich viele verletzt und umgebracht wurden.

Einen Teil der Artikel über das Massaker macht jedoch die EU aus. In vielen Medien wird sie nämlich in dem Licht des empathischen Dritt-Beobachters dargestellt. „EU-Länder verurteilen Gewalt im Sudan“ lautet der Titel eines Tagesschau-Artikels. Verurteile? Ist das die passende Beschreibung der Rolle der EU an dem Massaker? Warum ist die Khartum-Erklärung nirgendwo erwähnt? Die Kooperationsvereinbarung, die 2014 zwischen der EU und mehreren afrikanischen Staaten geschlossen wurde, um die Migrationsströme bereits weit von der EU-Grenzen aufzuhalten. Damit setzten sich nur die Neue Zürcher Zeitung und die Zeit ausführlicher auseinander. Laut der Zeit erziele die Erklärung die „Bekämpfung von irregulärer Migration“ und das mit Staaten wie Eritrea. Dem sogenannten „Nordkorea Afrikas“. Wo bleibt hier die europäische Bekenntnis zur Demokratie? Warum schweigen die anderen Medien darüber?

Die SZ kommentiert andererseits nur zögerlich die kritische Rolle der EU am Massaker. In der SZ-Ausgabe vom 4. Juni steht ein Kommentar zu den Ereignissen im Sudan mit dem Titel „Feige Mörder“. Eingegangen wird hier auf die Aussichtslosigkeit und die zum Scheitern verurteilten Proteste. Lohnt es sich hier nicht zu kommentieren, dass die EU dem Milizenchef Hemeti Millionen von Euro gegeben hat, um die Ausbildung und Ausrüstung der Grenzschützer zu unterstützen und somit Flüchtlinge zurückzuhalten? Diese Tatsache wird zwar unter anderem in der Ausgabe erwähnt, aber ausführlicher wird darauf nicht eingegangen.

Eine Woche später (am 11. Juni) schreibt die SZ: „Außenminister Heiko Maas hat sich bisher überhaupt nicht zur Lage im Sudan geäußert. Ein Sprecher der Bundesregierung hatte die Gewalt am Montag verurteilt und gesagt: ‚Wir rufen die Verhandlungspartner dazu auf, Eskalationen zu vermeiden und an den Verhandlungstisch zurückzukehren.‘ Es klang so, als hätte die Opposition eine Mitschuld an der Gewalt der Milizen. Sind das die passenden Worte, wenn ein Regime Menschen in Zelten verbrennt und Frauen vergewaltigt“. „Die Revolution wird weitergehen“ heißt der Titel dieses Artikels in der Printausgabe, während der Online-Artikel mit „Trägt die EU eine Mitverantwortung an der Lage im Sudan?“ überschrieben ist. Warum sind die Titel nicht gleich oder zumindest ähnlich, wenn der Inhalt übereinstimmt? Als Thema des Tages stand dieser Artikel auf der zweiten Seite und mit einer solchen Überschrift würde er auf jeden Fall die Aufmerksamkeit in die „falsche“ Richtung lenken. Aber wäre hier nicht angemessen, daraus eine Schlagzeile zu machen und somit eine Diskussion hervorzurufen? Die Politiker zum Reden zu bringen. Warum wird das unauffällige Verhalten von Deutschland sowie der ganzen EU nicht kritisiert?

In den nächsten Tagen werden die Meldungen noch kleiner und informationsärmer. Berichtet wird wieder vor allem über die politische Lage. Wer reagiert, was wollen die Demonstranten erzielen und welche Aussichten bestehen. Man geht kaum auf die steigende Zahl der Opfer ein, auf das „Internet Blackout“, auf die Einmischung und Aussagen wichtiger Organisationen wie Human Rights Watch und UN. Information über die Gestorbenen und Verletzten gab es genug. Die CCSD, Central Committee of Sudan Doctors, sowie die SPA, Sudanese Professional Association, haben zuverlässige Aussagen über die Lage gemacht. Bei Zeitungen wurden sie aber kaum zitiert. Wenn die Organisationen aber doch zitiert wurden, waren ihre Aussagen wage und allgemein formuliert. „Die Ärztegewerkschaft CCSD spricht zudem von mehreren hundert Verwundeten“ schrieb die taz. „Der SPA erklärte, die ‚Revolution’ gehe weiter“ teilte noch die Welt mit. Welche Informationen liefern diese Aussagen? Eigentlich nichts, dass sich der Leser merken kann.

Wenn aber die ARD ihre Tier-Doku am 15. April nicht unterbrochen hat, um über den Brand in Notre-Dame zu berichten, haben alle Medien auf einmal die ARD kritisiert. „Notre-Dame brennt – und die ARD pennt“, hat der Tagesspiegel angemerkt. Der ARD fehle „offensichtlich der Wille, die Organisation und Kompetenz“, Live-Berichterstattung aus Paris anzubieten, heißt es im Artikel. Der ARD-Chefredakteur, Rainald Becker, musste sich auf Twitter gegen die Kritik des früheren Leiters des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf sowie gegen die Kritik anderer Journalisten wehren und den fehlenden ARD-Brennpunkt zum Brand von Notre-Dame rechtfertigen. Als Fehler und Versäumnisse der Berichterstattung hat die Welt hingegen die Situation bezeichnet. Kritik gab es allerdings von keiner Seite zu hören, wenn die deutschen Medien über Sudans Massaker flüchtig berichtet haben.

Über den Brand von Notre-Dame haben wiederum alle Medien berichtet. „Brandkatastrophe“, „verheerender Brand“, „Notre-Dame wird auferstehen“, „Feuer verwüstet Pariser Kathedrale Notre-Dame“ hieß es in den Leitmedien. Neben der Länge der Beiträge, Platzierung in der Zeitung sowie Häufigkeit, lässt sich die Berichterstattung auch durch die Emotionalität unterscheiden.

„Als die Sonne gestern Morgen kurz vor sieben zaghaft über Paris aufgeht, fast so, als sei sie sich nicht sicher, ob sie uns den Anblick der zerstörten Kathedrale Notre-Dame bei Tageslicht antun möchte, steigt noch immer Rauch auf“, so beginnt der Artikel über das „Symbol französischer Geschichte“ der FAZ am Mittwoch, 17. April. Der Beitrag steht zwar unter dem Ressort „Feuilleton“, aber trotzdem: Warum wirkt die Berichterstattung so melancholisch, traurig und aussichtslos? Niemand ist ums Leben gekommen. Einer wurde verletzt. Die Struktur von Notre-Dame sei gerettet und in ihrer Gesamtheit bewahrt, dem Feuerwehrchef Jean-Claude Gallet zufolge. Die religiösen und künstlerischen Schätze, unter denen auch die Dornenkrone, konnten auch zum größten Teil aus der Kathedrale gerettet werden.

Warum scheint denn die deutsche Presse so involviert an dem Dachbrand einer Kirche und so desinteressiert an einem solchen unmenschlichen Ereignis wie Sudans Massaker zu sein?

Die Lage der beiden Länder könnten hierfür ein möglicher Grund sein. Wenn etwas uns unmittelbar nicht betrifft, interessiert uns dies normalerweise nicht. Neuseeland ist aber auch weit weg entfernt von Deutschland, sogar ferner als Sudan, aber der Terroranschlag Mitte März hatte doch eine sehr starke Präsenz in den deutschen Medien. Andere Aspekte wie die Unterschiede zwischen Sudanesen und Deutschen sowie die Ähnlichkeiten zwischen Franzosen und Deutschen in Hinsicht auf Sprache, Kultur, Lebensstandard und Religionszugehörigkeit wären hier auch zu berücksichtigen. Denn der Brand könnte auch zum Beispiel dem Kölner Dom oder auch der Münchner Frauenkirche passieren. Schließlich lässt sich die Berichterstattung durch die Rolle der EU erklären. Soweit bekannt, trägt die EU keine Mitverantwortung an dem Brand von Notre-Dame. Sie leistet eigentlich einen Beitrag zu ihrer Restaurierung. Genau die Rolle des empathischen Dritt-Beobachters, der tatsächlich handelt statt nur zu reden. Oder in dem Fall zu „verurteilen“.

Zwar hat der Brand der Notre-Dame sowohl in Frankreich als auch auf der ganzen Welt Millionen Menschen gerührt und somit eine entsprechende Berichterstattung verdient. Viele fühlen sich nach dem Brand auch persönlich betroffen. Aber mit dem Brand der Notre-Dame ist nur ein Stück Architektur verloren gegangen. Die Geschichte ist noch da. Es ist keine Tragödie, wie die deutschen Medien das Ereignis in Eile bezeichnet haben. Schließlich ist der größte Teil der Kirche aufbewahrt worden. Das verbrannte Dach kann wieder aufgebaut werden. Originalgetreu aufgebaut oder nicht, wird Notre-Dame immer Touristen anziehen. Sie wird „auferstehen“. Menschliche Leben können allerdings nicht ersetzt werden. Schicksale, Traumata und Verluste sind nicht leicht wenn überhaupt zu „reparieren“. Menschliches Leid kann man nicht aufwiegen. Vor allem wenn die EU eine Mitschuld trägt. Deswegen sind die Medien auch verantwortlich dafür, dass solche Ereignisse genug Aufmerksamkeit bekommen. Ereignisse, die uns auf den ersten Blick nicht unmittelbar betreffen. Denn die Aufgabe der Medien ist nicht nur über scheinbare Tragödien zu berichten, sondern sich auch für die Demokratie einzusetzen.

Bilder: Notre-Dame, Sudan

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. August 2019 von in Allgemein und getaggt mit , , , , , , .
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