Munich Media Watch

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Gewalt hat ein Geschlecht

Beziehungstat? Liebesdrama? Medien verharmlosen – immer noch.

Von Kelly Vega

Ein Mann schlägt mit einem Hammer auf seine Lebensgefährtin ein. Sie stirbt an den Folgen der Verletzungen. Die Tageszeitung Merkur schreibt am 14. Mai 2019: „Ein Beziehungsdrama in Offenberg endete tödlich.“ Und: „Bei einer Beziehungstat in Niederbayern sind zwei Menschen ums Leben gekommen“. Doch es handelt sich um einen brutales Tötungsdelikt. Die Medien verharmlosen Gewalttaten an Frauen und konstruieren damit eine falsche gesellschaftliche Realität.

Auf den ersten Blick mag nicht ganz klar sein, warum der Begriff „Beziehungstat“ problematisch ist. Was soll das sein, eine Beziehungstat? Die Spanne reicht von einem Heiratsantrag bis zum Mord. Man kann aber auch andere Begriffe benutzen, denn irreführende Bezeichnungen für Gewalt, die Frauen durch Männer erfahren, gibt es in der Medienlandschaft einige. „Ehe-Streit“, „Beziehungsdrama“ oder „Liebesdrama“. Persönlich, romantisch. Der Mord als letzter Liebesakt. Eine Privatsache. Ein trauriger Einzelfall.

Von Seltenheit kann aber nicht die Rede sein. Das Bundeskriminalamt registriert 2017 in der Rubrik Partnerschaftsgewalt 138.893 Delikte. Von den Opfern waren 82,1 Prozent weiblich. Dunkelziffer unbekannt. Es liegt nahe, dass nicht jeder Fall von Partnerschaftsgewalt gemeldet wird. 141 der Opfer von 2017 waren Frauen, die von einem (Ex-) Partner oder (Ex-) Ehemann getötet wurden. Das heißt: Im Schnitt wird allein in Deutschland jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau von einem Mann aus ihrem Umfeld ermordet. Tötungen durch Fremde nicht mitgezählt. Oft versuchen Frauen, sich von dem Partner zu trennen, und werden so zum Opfer. Oft suchen sie verzweifelt nach Hilfe oder versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Diese Delikte zu Beziehungskonflikten oder „Dramen“ zu degradieren, wird den Opfern nicht gerecht.

Handelt es sich um sexualisierte Gewalt, wird von „Sextätern“ (zuletzt Tagesspiegel, 12. Juli 2019) oder „Sex-Monstern“ (etwa in der Bildzeitung vom 1. Juli 2019) geschrieben. Dadurch rückt ein sexuelles Tatmotiv in den Vordergrund. Es wird nahegelegt, dass die Ursache für Übergriffe ein sexuelles Bedürfnis ist. Dabei ist sexualisierte Gewalt häufig ein Ausdruck von Macht und Unterdrückung. Was macht diese Art der Berichterstattung? Sie sagt, dass diese Form der Gewalt etwas mit Sex zu tun hat und umgekehrt.

Der Westen schreibt am 27. Juni 2019: „München: Masken-Mann vergewaltigt Kind – Vorbestrafter Sex-Täter geschnappt“. Auch andere große Zeitungen machen sich die Personifizierung des „Wolfsmasken-Vergewaltigers“ zu eigen.

Aber: Täter nicht eindeutig als solche zu benennen oder sie als Monster zu entmenschlichen, schiebt sie an den Rand der Gesellschaft.  Zu den Psychopathen und Nicht-Sozialisierbaren. Es macht sie zu Einzeltätern.

Dabei geben rund 25 Prozent der Frauen an, körperliche oder sexuelle Gewalt aus dem unmittelbaren Umfeld erlebt zu haben. Alle Gewaltstatistiken beweisen, dass Gewalt gegen Frauen oder Gewalt allgemein nahezu immer von Männern ausgeht. Hier wird bagatellisiert, um das Offensichtliche nicht anzusprechen. Denn es ist eben nicht der eine Perverse, der Verbrechen in dunklen Gassen verübt. Geschlechtsspezifische Gewalt ist allgegenwärtig. Und häufig.

Rebecca Solnit (2014: 7) schreibt in ihrem Buch Wenn Männer mir die Welt erklären: „Die Pandemie der Gewalt wird ständig mit allem Möglichen erklärt, außer mit dem Geschlecht, mit allem, außer dem, was das umfassendste Erklärungsmuster zu sein scheint“. Ihrer Auffassung nach muss Gewalt gegen Frauen als Pandemie verstanden werden. Sie ist anzuerkennen als strukturelles, globales, kulturübergreifendes, aber vor allem als geschlechtsspezifisches Problem.

Doch ist es nicht auch die Pflicht von Medien als meinungsbildende Instanz, Gewalt gegen Frauen als strukturelles Problem in den medialen Diskurs zu bringen? Denn: Wie wir sprechen, prägt unsere Sicht auf die Welt. Wie Medien über Gewalt gegen Frauen sprechen, trägt zu frauenfeindlichen Strukturen bei.

Einen Anlauf zur Spezifizierung von Gewaltsprache startete die Linkspartei 2018 und Anfang 2019. Die Abgeordnete Cornelia Möhring stellte im Bundestag die Anfrage, geschlechtsspezifische Tötungen von Frauen in Deutschland zukünftig als Femizid zu bezeichnen, um so den Begriff in den öffentlichen Diskurs zu integrieren. Sie erläutert in ihrer Vorbemerkung, dass die öffentliche Feminizid-Debatte in einigen Ländern wie Mexiko bereits zu Strafrechtsreformen geführt und die Datenerhebung angetrieben hat. Diese ermöglicht es, Daten aufzuschlüsseln, darzustellen und sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Sie erwähnte auch, dass das Committee on the Elimination of Discrimination against Women der UN sich „besorgt gegenüber der Bundesregierung bezüglich mangelnder Erfassung von geschlechtsspezifischer Gewalt und niedriger Strafverfolgungs und -verurteilungsraten“ äußerte.

Die Bezeichnung „Femizid“ soll also dabei helfen, geschlechtsspezifische Verbrechen besser einordnen, verfolgen und dokumentieren zu können. Die Bundesregierung lehnte den Antrag ab. Begründung: Der Begriff sei nicht „konturiert genug“. Man könne nur schwer feststellen, ob eine Tötung geschlechtsspezifisch motiviert sei. Gleichzeitig räumt die Bundesregierung ein, keine offiziellen Daten zu Gewalt gegen Frauen zu haben. Seit 2015 werden lediglich Daten zur Partnerschaftsgewalt durch das Bundeskriminalamt erhoben. Die Motive der Delikte werden nicht berücksichtigt. Dabei hat sich die Regierung mit der Istanbul-Konvention verpflichtet, Gewalt auf ihre „eigentlichen Ursachen und Auswirkungen, Vorkommen und Aburteilungsquote“ zu untersuchen. Maßnahmen der Bundesregierung: das Hilfstelefon „Gewalt gegen Frauen“, rund um die Uhr erreichbar. Bilanz 2018: etwa 42.000 Beratungskontakte, im fünften Jahr in Folge steigend.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die Bemühungen der Bundesregierung, Gewalt gegen Frauen als strukturelles Problem anzuerkennen, relativ gering sind. Durch die Ablehnung eines einheitlichen Begriffs für die Morde an Frauen wird diesen Vorfällen nicht die nötige Aufmerksamkeit zuteil. Stattdessen ignoriert die Bundesregierung offensichtliche Gewaltstrukturen und erschwert damit sowohl den Diskurs als auch eine scharfe strafrechtliche Verfolgung. In der Zwischenzeit ist es die Aufgabe von Journalisten, ihre Reichweite zu nutzen und einen sensibleren, klareren Sprachgebrauch für geschlechtsspezifische Gewaltdelikte zu entwickeln.

Verbrechen gegen Frauen darf man nicht mehr als Skandale präsentieren. Ihre Tragik nicht mehr für eine kurze mediale Aufmerksamkeit missbrauchen. Es muss klar benannt werden, was die Tat und wer die Täter sind und welche Ursachen es dafür gibt.

Titelfoto: Kelly Vega

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

Ein Kommentar zu “Gewalt hat ein Geschlecht

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. August 2019 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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