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Putin: Große Worte, nichts dahinter?

Putins Bürgersprechstunde: im deutschen Fernsehen ganz anders als im russischen.

Von Anna Yakusheva

Ganze vier Stunden dauerte Wladimir Putins TV-Bürgersprechstunde „Der direkte Draht“, die am 20. Juni 2019 zum 17. Mal stattfand. Jetzt stellt man sich die Frage: Was wurde in dieser langen Zeit erreicht? Die Antwort der Tagesschau auf diese Frage ist kurz und knapp – eigentlich nichts. Die russischen Medien sind anderer Meinung. Laut ihnen wurden viele Probleme der Gesellschaft gelöst. Wie kann es sein, dass die Berichte so weit auseinander liegen?

Das Russlandbild, das die Tagesschau konstruiert, ist nicht besonders positiv – das ist nichts Neues. So beschreibt es auch Daria Gordeeva in ihrer Studie, die das IfKW der LMU mit dem Best Thesis Award 2017 auszeichnete: „Für positive Nachrichten aus Russland gibt es in dieser Tagesschau-Welt einfach keinen Platz“ (Gordeeva, 2017, S. 65). Der einzige Artikel über Putins TV-Sprechstunde auf der Webseite der Tagesschau lässt den russischen Präsidenten und seine „Show“ in keinem guten Licht erscheinen. Die Ironie in dem Artikel ist nicht zu überlesen. Sowohl die Überschrift „Putin gibt den Kümmerer“ als auch Aussagen wie „Problem angesprochen – Problem gelöst“ verdeutlichen sie. Kritisch wird betont, dass Putin innerhalb dieser vier Stunden aus 2,1 Millionen eingereichten Fragen nur 80 beantwortet hat und mehrfach auf Fragen nicht eingegangen ist. Auch der Vorwurf, die Fragen seien zuvor ausgesucht worden und alles sei inszeniert, wird geäußert.  Formulierungen wie „Es ist eine Show“ und „Tatsächlich scheint wenig dem Zufall überlassen zu sein“ versuchen die Leser davon zu überzeugen, dass diese Sprechstunde einen ganz anderen Zweck erfüllt, als es nach außen hin scheint. Genauer gesagt: nicht die Lösung von Problemen der russischen Bevölkerung, sondern Putins Selbstdarstellung und die Demonstration seiner Sorgen – am meisten von dieser TV-Sprechstunde profitiere nämlich Putin selbst.

Das sieht der staatliche Fernsehnachrichtensender Rossija 1 anders. Hier ist Putin einzigartig. Einzigartig unter den Weltführern. „Keinem anderen ist es gelungen etwas Vergleichbares wie dieses Format ins Leben zu rufen“. Zweifellos stellt der Verfasser Putin positiv dar – er betont seine Kompetenzen und Fähigkeiten als Präsident, vor allem sein Können, richtige Entscheidungen live und innerhalb kurzer Zeit zu treffen. Dieser Artikel lebt von der Verehrung des Staatsoberhauptes – negative und kritische Aspekte werden ausgelassen. Das Vorkommen unangenehmer Fragen wird besonders hervorgehoben. Außerdem wird mitgeteilt, dass Putin Antworten auf praktisch alle Schlüsselfragen gab. Zum Schluss lobt der Autor erneut Putins Bereitschaft, „in jeder Situation“ mit seinem Volk zu kommunizieren, und seine Fähigkeit, jedes Problem unmittelbar zu lösen.

Es ist nicht zu übersehen, dass sich die Darstellung Putins in diesen zwei Artikeln grundsätzlich voneinander unterscheidet – die Berichterstattung ist auf beiden Seiten „einseitig und tendenziös“ (Gordeeva, 2017, S. 87). Die deutsche Leserschaft bekommt nur Negatives über die TV-Sprechstunde des Präsidenten zu lesen. Die russischen Leser müssen sich mit der Bewunderung und Verehrung Putins zufriedengeben. Nur Menschen, die beide Sprachen sprechen, sind in der Lage, beide Quellen zu verstehen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Nur sie haben einen Vergleich und können widersprüchliche Meinungen abwägen.

Interessant wird es auch, wenn man sich die Artikel und Kurzmeldungen einige Tage nach der Sprechstunde auf Rossija 1 anschaut. Eine Reihe weiterer Artikel folgen: Sie verdeutlichen Putins Bemühungen, die angesprochenen Probleme wie angekündigt zu lösen. So lauten beispielsweise zwei Kurzmeldungen: „Als Ergebnis der TV-Sprechstunde wurde in der Stadt Werchnjaja Salda ein Jahresputz durchgeführt und „als Resultat der Bürgersprechstunde wurde in dem Dorf Kaskara eine Wasserleitung gebaut“. Die Tagesschau hingegen berichtet gar nicht mehr über die Sprechstunde.

Ein näherer Blick auf die Autoren der oben genannten Artikel macht einiges ersichtlicher. Welchen Familienhintergrund haben sie? Welchen sozialen Status? Gibt es Gründe wieso sie Kritik üben oder Sachen auslassen?

Der deutsche Artikel wurde von Martha Wilczynski verfasst (Korrespondentin im ARD-Studio in Moskau, WDR). Geboren wurde sie in Polen, als Polen noch eine „Volksrepublik“ war. 1986 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Die Volksrepublik Polen war damals abhängig von der Siegermacht Sowjetunion, die Menschen- und Bürgerrechte einschränkte. Diese Zeit war durch wirtschaftliche Probleme und tiefe Unzufriedenheit der Bevölkerung geprägt. Wilczynski verfasst viele kritische Beiträge über Russland und hat in den meisten Fällen nichts Gutes über Putin zu berichten. Hier ist deutlich erkennbar – ihre negativen Erfahrungen bezüglich Russlands haben ihre Meinung und Einstellung zu diesem Land geprägt und beeinflussen ihre Berichterstattung bis heute.

Der russische Artikel wurde von GTRK Baschkortostan in Auftrag gegeben (Autor unbekannt). WGTRK ist die allrussische staatliche Fernseh- und Radiogesellschaft, eine Medienholding, die im Besitz von Rossija1, einigen weiteren großen Fernsehsendern und 89 regionalen Fernseh- und Hörfunkanstalten ist. Dazu gehört auch GTRK Baschkortostan. Zitiert wurde in dem Text Konstantin Tolkatschow, ein russischer Politiker und Vorsitzender der Staatsverwaltung der Republik Baschkortostan. Er ist Mitglied in der mächtigsten Partei der Russischen Föderation „Einiges Russland“, der auch Putin angehört. Im Jahr 2015 wurde Tolkatschow Dankbarkeit von dem russischen Präsidenten Putin ausgesprochen. Kann und darf er überhaupt noch schlecht über Putin sprechen? Wird er es riskieren, einen kritischen Beitrag über ihn zu verfassen?

Um es auf den Punkt zu bringen: Journalisten wählen solche Aspekte eines Themas für ihre Medientexte aus, die eine bestimmte wertende Deutung oder ihre persönliche oder aufgezwungene Sichtweise auf die Welt nahelegen – Aspekte mit einer anderen Deutung lassen sie aus. Problematisch wird dies vor allem, wenn Medien eines Landes ihrer Bevölkerung nur eine Sichtweise vermitteln. Die wiederholte Verwendung bestimmter Aspekte und Sichtweisen in den Medien zu einem Thema macht sie leichter kognitiv verfügbar und hat somit Einfluss auf die Einstellung und Handlungsweise von Menschen.

Titelbild: Pixabay

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. August 2019 von in Gesehen und getaggt mit , , , , .
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