Munich Media Watch

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Weißbrot oder Chemo?

Schulmedizin oder Heilpraktiker? Für die Leitmedien bei Krebs keine Frage.

Von Anna-Amanda Steinfatt & Claire Salaün

„Weißbrot gegen Krebs“, „Der Metzger und Heilpraktiker“, „Mit Curry gegen Krebs?“: Solche Aussagen mit sarkastischem Unterton liest man in den Leitmedien, wenn es um alternative Krebsheilung geht. Schulmedizin scheint dabei die goldene Methode zu sein und die einzig wahre Heilung zu bieten.

Krebs ist die zweithäufigste Todesursache weltweit. Allein 2018 starben nach Angaben der WHO 9,6 Millionen Menschen daran. Wie kann es sein, dass wir so wenig über diese Krankheit und deren Heilung wissen? Gut, dass es die Chemotherapie gibt, das weiß ja wohl so gut wie jeder. Wie steht es jedoch um alternative Heilmethoden? Was gehört zur Heilung noch dazu? Wir haben nur wenige Beiträge gefunden, die sich kritisch mit dem Thema Krebs auseinandersetzen und sich ernsthaft mit Therapien abseits von Chemotherapie und Operation beschäftigen.

Punkt eins: In den Leitmedien sind viele Artikel und Beiträge zu diesem Thema negativ. Durch die Wahl der interviewten Personen und den Stil des jeweiligen Artikels wird schnell klar, dass die Berichterstattung ironisch und sarkastisch ist. Ein Beispiel: In dem BR-Video „Der Metzger und Heilpraktiker“ wird ein ehemaliger Krebspatient befragt.  Hubert Kammermeier sagt, er habe dank einer Chemotherapie den Krebs „zerstört“, aber sich dann mit Hilfe alternativer und spiritueller Methoden selbst geheilt und wiederaufgebaut. Dass dieser Mann Metzger ist, wird nicht nur im Titel erwähnt, sondern ist Thema des halben Beitrags – obwohl der Beruf mit der Ursache oder der Überwindung seiner Krankheit nichts zu tun hat. Das reicht aber noch nicht. Kammermeier spricht sehr langsam und mit Dialekt. Im Kontext Selbstheilung senkt das seine Glaubwürdigkeit, sodass er eigentlich gar nicht mehr ernst zu nehmen ist. Ein Metzger, der sich selbst von Krebs heilt, das ist doch wohl lächerlich.

Punkt zwei: Bericht wird über die absurdesten Methoden, die angeblich zur Heilung beitragen. „Weißbrot gegen Krebs“ oder „mit Curry gegen Krebs“ (in der ARD-Mediathek zu finden). Man merkt, worauf die Beiträge hinauslaufen. Wieder eine lächerliche Art, den Krebs zu heilen. Methoden, die sich dubiose Scharlatane ausdenken, um Geld mit Patienten zu verdienen. Die Angst um ihr Leben treibt sie, so gut wie jede Therapie zu machen, was den Erfolg dieser selbsternannten Heilpraktiker garantiert. Dass man Krebs nicht überwindet, indem man Brot isst, könnte wohl auch jedem Leser bzw. Zuschauer klar sein.

In einigen Alternativkanälen wird etwas offener berichtet. Schade nur, dass diese nicht die Reichweite der Leitmedien haben. Vor ein paar Monaten war Ken Jebsen von KenFm im Gespräch mit Lothar Hirneise, ehemaliger Krankenpfleger und ausgebildeter Psychoanalytiker, Experte und Leiter des 3E-Zentrums für alternative Heilungsmethoden bei Krebs. Es wurde über die Krankheit, ihre Ursachen, über Krebsheilung und die Einstellung der Schulmedizin diskutiert. Hirneise ist der Überzeugung, Krebs sei vor allem psychisch bedingt und eine langanhaltende Heilung nur durch die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Körper sowie mit einer kompletten Lebensumstellung möglich. Die drei „E“s in seinem Programm: Ernährung, Entgiftung und Energiearbeit. Das Interview ist sehr offen und aufschlussreich. Man geht ins Detail, es wird nicht belächelt, gewertet oder abfällig berichtet.

Punkt drei: Die Schulmedizin wird in den Leitmedien nicht in Frage gestellt wird. Wenn nach einer Chemotherapie ein Patient stirbt, heißt es: „Operation gelungen, Patient gestorben“ (SZ, 3. Dezember 2017), „konnte nichts mehr getan werden“, „unser Bestes gegeben“. Wenn ein Patient nach einer alternativen Behandlung stirbt, wird der Heilpraktiker beschuldigt. Krebs ist eine tödliche Krankheit, man wird niemals alle Patienten heilen können. Der Artikel „Neue Zweifel an Heilpraktikern“, veröffentlicht in der SZ am 8. September 2016, berichtet über einen Fall in Nordrhein-Westfalen, wo einige Patienten nach Behandlung durch einen Heilpraktikers gestorben waren. Ein großer Skandal. Das Behandlungszentrum wurde geschlossen. Ob es zu Unrecht geschlossen wurde oder nicht, darüber wird hier nicht geurteilt. Der Tod eines Patienten nach einer Chemotherapie bewirkt auch nicht das Schließen des jeweiligen Krankenhauses. Es gibt durchaus schlechte Heilpraktiker, aber schlechte Ärzte gibt es auch.

Anerkannte Mediziner machen auch Fehler. Herr Hirneise schildert den Fall von Peter S., Apotheker aus Bottrop. Jahrelang hat dieser ohne jegliches schlechte Gewissen Krebspatienten und Krankenkassen um rund 2,5 Millionen Euro betrogen. Er verkaufte Medikamente, in denen keine (oder so gut wie keine) Wirkstoffe waren. Das Medienecho? Vergleichsweise klein. Kurz darauf war die Geschichte schon wieder vergessen. Außer in Bottrop, wo es noch lange Proteste gab. Interessant, dass es über selbsternannte Heilpraktiker, deren Methoden vielleicht nicht wissenschaftlich erwiesen sind, viel negativere Berichte gibt, als über einen Apotheker, der vorsätzlich Menschen sterben lässt, um sich auf Kosten anderer zu bereichern.

Punkt vier: Vor alternativen Heilmethoden wird gewarnt. In einer Überschrift heißt es zum Beispiel „Wie Alternativmedizin Krebspatienten gefährdet“. Beim Weiterlesen wird klar, dass dies nur in manchen Fällen so ist. Wenn Patienten sich Therapien unterziehen, die nicht erwiesen sind und sogar gefährlich sein können. Wie bei jeder Krankheit muss man sich einen passenden Arzt aussuchen. Einen Experten, der sich auskennt. Ob dieser Schul- oder Alternativmediziner ist, sollte keine Rolle spielen. Es könnte sogar kombiniert werden. Im Endeffekt sollte sich jeder seine Meinung über den richtigen Heilungsweg selbst bilden.

Titelfoto: Anna-Amanda Steinfatt & Claire Salaün

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Oktober 2019 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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