Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Ich bin ein Veganer, oder?!

Ein Trend, der Journalisten inspiriert, aber offenbar auch nervt. Auf der Strecke bleibt die Sachlichkeit.

Von Theresa Bölke

Vegan sein – selbst McDonalds kann das jetzt. Die Tierschutzorganisation PETA empfindet das als gut und sieht darin eine Chance, auch nicht-vegane Personen an eine rein pflanzliche Ernährungsweise heranzuführen. Die Supermarktkette Lidl führte mit den Burger-Pattys der Fleischersatz-Marke Beyond Meat einen Verkaufsschlager ein, Netto zieht mit demselben Produkt nach. Immer mehr fleischlose Alternativen sprießen aus dem Boden und bahnen sich zu uns durch. Nach und nach springen Menschen und Unternehmen auf diesen Zug auf. In meinem Umfeld habe ich den Eindruck: Alle wollen mitfahren. Aber ohne Einschränkungen.

Spätestens seit die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg mit der Bewegung „Fridays for Future“ indirekt zu mehr Bewusst werden mit der eigenen Person und der Umwelt aufgerufen hat, ist vegan kein Fremdwort mehr. In den sozialen Medien wird Veganismus von Influencern und Bloggern in deren Profilen integriert und thematisiert. Mein Eindruck: Veganismus scheint ein Hype zu sein. Oft mit negativem Beigeschmack. Woher kommt dieser Gedanke?

Sind die Massenmedien schuld?

Meine Erwartungshaltung ist: Die Medien berichten negativ und herablassend über die vegane Lebensweise: Vegan sein ist teuer, kompliziert, schädlich. Was „vegan sein“ ist und bedeutet, wird nicht thematisiert.

Bei der Google-News-Suche nach Artikeln zum Thema sowie bei der Stichwortsuche in den Leitmedien erscheinen bei der Eingabe der Suchwörter „Veganismus“ oder „vegan“ überwiegend Beiträge, die sich mit der veganen Ernährungsweise befassen.

Im Zeit-Magazin schreibt die freie Redakteurin Zarah Mampell darüber, was sie an Veganern stört. Die Berlinerin bezeichnet sich als „Ausnahmeveganerin“, will die Welt verbessern und ist wütend: Neu-Veganer haben den Sinn nicht verstanden, übertreiben in ihrem Wahn und rennen dem Trend hinterher. Die Frage: Woher weiß sie, wie lange die anderen schon vegan sind und warum sie das machen?

Direkte Urteilsbildung über Personen und alternative Produkte, kein Problem.

Zarah Mampell macht eine Schublade auf und packt rein: Träger von bunten Sneakern, Verwender von den Wörtern „mega“ und „awesome“, Besitzer von „papierdünnen Mobiltelefonen“. Gesprächsthema dieser Personen: veganes Essen. Ausschließlich. „Freaks“ in ihren Augen.

Der Ton in ihrem Artikel ist abwertend gegenüber der Personengruppe, der sie als Teilzeitveganerin auch irgendwie angehört. Doch sie will niemanden beschimpfen, das bringt nichts. Zusammenhalt hilft. Weniger Oberflächlichkeit und mehr Selbstverständnis für die vegane Ernährung. Am Ende ihres Artikels fragt sie die eben noch von ihr angegriffene Personengruppe: „Ey Hummus-Hannah! Vöner-Vincent! Wollt ihr das Gleiche? Wollt ihr nur auf der nächsten WG-Party mitreden können, oder wollt ihr etwa auch die Welt retten?“ Positiv steht sie dem nicht gegenüber.

Die Bildzeitung interviewt eine hauseigene Grafikerin zu ihrem veganen Lebensstil: Olivia Meyer ernährt sich frei von tierischen Produkten, um einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Und dabei liebt sie Fleisch und vermisst es. Die intensive Auseinandersetzung mit der Lebensmittelindustrie mithilfe von Dokumentationen und Büchern hat sie letztendlich dazu bewogen, umzudenken. Sie sieht ihr Konsumverhalten als eine politische Stimme: „Ich stimme mit meinem Verzicht gegen die Ausbeutung von Natur, Tieren und Menschen!“ Der Beitrag liefert am Schluss fünf Gründe zum Verzicht auf Fleischprodukte: Bedrohung der Artenvielfalt, Wasserverbrauch, Wasserverschmutzung, Bildung von Antibiotikaresistenzen und Tierleiden in der Massentierhalten. Erklärungen anhand kleiner Grafiken inklusive. Dieser Artikel ist informierend und greift Anhänger des Veganismus nicht an. In der Bildzeitung.

Ein Profi-Fußballer, der Veganer ist. Geht das – fragt sich die Redakteurin des Münchner Merkur. Redakteurin Juliane Gutmann bezieht sich auf ein Interview mit dem Fußballspieler Chris Smalling und geht damit den Vorurteilen über Mangelernährung auf den Grund. Sie erklärt anhand des Profi-Fußballers, wie genügend Eiweiß durch die Ernährung aufgenommen werden kann. Chris Smalling lebt vegan, weil er Tiere schützen möchte. Es geht ihm bestens. Im Sport zeigt er gute Leistungen. Mannschaftskammeraden sind ebenfalls an seiner veganen Lebensweise interessiert. Alles prima. Doch am Ende sagt Juliane Gutmann: Geh zum Arzt, bevor du auf vegane Ernährung umstellst. „Steht der veganen Ernährung nach einem körperlichen Check-up nichts im Wege, wird der behandelnde Arzt oder Ernährungsberater über eine sinnvolle Nahrungsergänzung aufklären, die Mangelerscheinungen vorbeugt.“

Bis zu diesem Punkt war der Leser des Beitrags vermutlich noch zufrieden und im besten Fall motiviert, sich mit veganer Ernährung auseinanderzusetzen. Mit dieser Passage wird das Ruder herumgerissen. Der Leser wird verunsichert: Arzt aufsuchen, Mangelernährung vorbeugen, Nahrungsergänzungsmittel. Angst. Erwähnt wird nicht, dass auch mit tierischen Produkten Nährstoffmangel auftreten kann. Die Redakteurin schmeißt noch ein paar für den Körper wichtige Vitamine und Mineralstoffe in den Text, das war’s. Keine weiteren Informationen. Der Wille zur Aufklärung ist da. Die Umsetzung scheitert dann am Ende doch.

Sputnik Deutschland – ein russischer Staatssender – greift eine Meldung aus Schweden auf. Die Headline: „Wegen veganer Ernährung: Baby beinahe tot – Eltern müssen ins Gefängnis“. Ein kurzer Beitrag. Die Aussage: Eltern haben ihr Baby aufgrund veganer Ernährung fast getötet. Tenor: Eltern sind Veganer, das Baby leidet darunter. Mediziner stellen eine „gravierende Unterernährung“ fest. Keine weitere Information. Der Eindruck: Ein veganer Lebensstil versorgt nicht ausreichend mit Nährstoffen. Der Leser wird abgeschreckt, denkt vermutlich schlecht über Eltern, die sich selbst und ihre Kinder vegan ernähren.

Zusammengefasst: Über den Grundgedanken veganer Lebensweise wird in diesen vier Beiträgen selten berichtet. Es wird kurz erwähnt, warum eine Person den veganen Ernährungsstil wählt. Die Gründe zur Vermeidung tierischer Produkte (Tierschutz, Gesundheit sowie Klima- und Umweltschutz) verschwinden am Ende in den Hintergrund. Dreimal kommen Veganer zu Wort: Im Zeit-Magazin und in der Bildzeitung direkt, im Münchner Merkur indirekt. Der Beitrag der „Ausnahmeveganerin“ Zarah Mampell im Zeit-Magazin ist für den Leser fragwürdig. Sie stellt alle Veganer (auch sich selbst) als Menschen dar, die theoretisch einen guten Willen haben, praktisch aber diesen nicht mit Bedacht umsetzen.

Olivia Meyer darf sich in der Bildzeitung in einem ganzen Beitrag mit Argumenten für einen veganen Lebensstil äußern. Im Münchner Merkur werden einzelne Passagen aus dem PETA-Interview mit dem veganen Fußball-Profi Chris Smalling herangezogen. Seine Ansichten werden mit Zitaten im Text belegt. Sie berichtet über den Nährstoffmangel, das Vorurteil Nummer eins gegen veganer Ernährung. Ob das auch die Absicht von PETA und Chris Smalling war, ist fraglich.

Mein Eindruck: Journalisten sind vom Trend inspiriert, aber genervt, teilweise sauer. Sie vermitteln: Veganismus ist kompliziert und teuer. Man macht sich lächerlich über diese Lebensweise. Vegane Themen werden oft in ein schlechtes Licht gerückt. Hintergrundinformationen kommen selten auf den Tisch. Der Fokus liegt anscheinend eher darauf, Bezeichnungen für die Anhänger – Hipster mit einem ständigen Ersatzwahn – zu finden und scheinbar aufgetretene Vorfälle nicht weiter zu hinterfragen, sondern anzunehmen. Das vermittelte Stimmungsbild und die verwendeten Bezeichnungen werden für die Wirklichkeit gehalten. Unsichere Menschen werden noch mehr verunsichert. Die Berichterstattung in den Massenmedien präsentiert ein abschreckendes Bild. Die Folge: Vorurteile und eine klare Gruppenbildung.

Doch gerade jetzt ist es wichtig, über Veganismus und den damit verbundenen nachhaltigen Lebensstil nachzudenken und zu berichten. Insbesondere die jüngere Generation scheint sich zu informieren. Ein Umdenken findet statt. Das ist auch an den Innovationen von Unternehmen erkennbar – Profitziele hin oder her. Es gibt die Trendanhänger und die Personen mit einer Sinnhaftigkeit des Veganismus. Die einen nerven mit ihrem Getue, die anderen vielleicht auch. Aber sie stehen für etwas. Für etwas, wofür sie sich in ein schlechtes Licht, produziert von den Massenmedien, stellen lassen und sich dafür rechtfertigen müssen. Ist das nötig? Eine rhetorische Frage. Aufklärung über einen nachhaltigen Lebensstil muss stattfinden. Warum und wofür machen Personen das, welcher Gedanke steht dahinter: Das sollte jetzt Aufgabe der Journalisten sein.

Unsere Aufgabe als Leser?

Allgemein gilt: Medienbotschaften hinterfragen und sich ein eigenes Bild schaffen. In diesem Fall: Prüfen, was hinter Veganismus steckt. Wofür steht dieser eigentlich, welchen Vorteil bietet er? Entspricht das durch die Medien vermittelte Bild der Wirklichkeit? Möglicherweise ergreife ich als Leserin Eigeninitiative und informiere mich über die vermutlich wichtigste Entscheidung, auf tierische Produkte zu verzichten: die Herstellung ebendieser Produkte. Jeder darf danach selbst entscheiden, wie er mit den neu-erworbenen Informationen umgeht.

Ein weiterer Grund vegan zu leben: Klimaschutz. Wir alle werden seit einiger Zeit mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert. Eine Möglichkeit, diesem entgegenzuwirken, ist es unter anderem, laut ScienceMag.org, auf eine vegane Ernährung umzusteigen. Aktuell scheint es gesellschaftlich noch nicht eindeutig anerkannt und deshalb abschreckend zu sein, bewusst nachhaltig zu leben. Gerade jetzt im Wandel, muss dieses Verhalten endlich hinterfragt werden.

Foto: Theresa Bölke

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 10. Oktober 2019 von in Allgemein und getaggt mit , , , .
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