Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Der Wolf in den Medien

Der Wolf ist gefährlich. Noch gefährlicher ist das, was die Medien aus ihm machen.

Von Svenja Hohberger

Das bekannte Grimm-Märchen Rotkäppchen zeigt uns schon als Kind: Der Wolf ist eine Schreckensgestalt. Geändert hat sich allerdings, dass er uns nicht mehr nur im Märchen begegnet, sondern mittlerweile wieder ein realer Teil unseres Lebens ist. In den Medien machen Geschichten von blutenden Nutztieren und zähnefletschenden Wölfen Schlagzeilen, während eine hitzige Debatte zwischen Tierschützern und Wolfsgegnern entbrennt.

Im Jahr 2000 kehrten nach etwa 150 Jahren die Wölfe und mit ihnen die Angst nach Deutschland zurück. Heute leben 73 Rudel, 30 Paare und drei Einzeltiere in Deutschland, vor allem in Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Anfänglich war die Freude vor allem bei Tierschützern und Naturforschern groß, da diese schon jahrelang auf das Wiederkehren der Tiere hofften, nachdem der Mensch sie in vielen Teilen Europas ausgerottet hatte.

Jetzt, da sich die Wölfe vermehrt haben, häuft sich allerdings die Kritik. Bauern beklagen Angriffe auf ihre Weidetiere und viele Menschen fürchten, selbst Opfer des Wolfs zu werden.

Medien berichten von Wölfen, die 20 Schafe auf einmal angefallen haben und in einen regelrechten Blutrausch verfallen sein sollen. Häufig fällt dann auch der Begriff „Problemwolf“. Wolfsforscher widersprechen dem und äußern, dass dieses Verhalten ganz natürlich für das Tier ist. Da der Wolf in der Natur häufig längere Zeit nichts zu fressen findet, nutzt er die Gelegenheit, wenn sie sich ihm bietet.

Betrachtet man die Medienartikel der letzten zwei Jahre, bemerkt man, dass über das Thema oft nicht etwa sachlich berichtet wird, sondern Überschriften entstehen wie „Ist Tinchen von einem Wolf angegriffen worden?“ Die Nordwest Zeitung berichtet hier über ein Pony, dass mit einer großen Wunde am Hals von seinem Besitzer aufgefunden wurde. Er ist sich sicher: Es war ein Wolf. Noch bevor die Tat belegt werden konnte, berichteten die Medien darüber. Obwohl keine DNA-Spuren gefunden wurden und das Pony keine schwerwiegenden Verletzungen davongetragen hatte, löst der Vorfall abermals eine Debatte über die Gefährlichkeit des Wolfs aus. Dass das Pony einen niedlichen Namen trägt, erregt natürlich Mitleid und fördert die unkritische Übernahme der Argumente.

Unsachliche Berichterstattung liefert auch der Artikel „Er kommt uns näher, immer näher“ der taz. „Die Rückkehr des Wolfs ist ein Erfolg für den Naturschutz. Aber wollen wir, dass hier Raubtiere leben, die Menschen töten können?“ heißt es da. Darunter fixieren den Leser die Augen eines Wolfs. Allein der Anfang suggeriert uns die Bedrohlichkeit des Tieres.

Noch angsteinflößender wird es, wenn der Autor Jost Maurin den Biobauer Jörg Dommel über ein vom Wolf verursachtes „Massaker“ erzählen lässt. Es soll auf seinem Hof ausgesehen haben wie auf einem Schlachtfeld, berichtet der Landwirt und schildert in allen Einzelheiten den Kadaver des Kalbs. Weiter schreibt Maurin, dass besonders Schafe und Rinder gefährdet seien. Auf Schafe mag das zutreffen, aber Rinder sind, genau wie Pferde, ziemlich wehrhaft. Insgesamt sind nur 4,8 Prozent der gerissenen Nutztiere Rinder und der Großteil davon sind Kälber. (vgl. die Schadensstatistik der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf)

Ähnlich agieren auch andere Medien. Sie lassen die geschädigten Landwirte zu Wort kommen und untermauern die Artikel mit Bildern der zerfetzten Tierkadaver. Natürlich ist es wichtig, alle Parteien zu Wort kommen zu lassen, aber ein Thema kann kaum wertfrei betrachtet werden, wenn die Argumente von Betroffenen einfach übernommen werden und man tote Tiere abbildet, um zu schockieren.

Jost Maurin befasste sich in einem weiteren Artikel („Ja, die Tiere sind gefährlich“) auch mit einem vermeintlichen Wolfsangriff auf einen Mann im Jahre 2018. Ein Gärtner in Steinfeld gab an, dass er den Zaun eines Friedhofs reparieren wollte, nach hinten griff und ein Wolf nach seiner Hand schnappte. Der Mann verscheuchte ihn mit einem Hammer, woraufhin der Wolf mit weiteren Rudelmitgliedern flüchtete. Die Medien stürzten sich auf den Fall. Die Bildzeitung beispielsweise ist sicher: Das muss ein Wolf gewesen sein. Unter dem Titel: Wolf fällt Mann auf Friedhof an. ist das Foto eines zähnefletschenden Wolfs platziert, den man unwillkürlich mit dem Tier aus der Geschichte des Gärtners verknüpft.

Es wäre in Deutschland der erste Wolfsangriff auf den Menschen seit 150 Jahren gewesen. Auf dem Friedhof und an der Kleidung des Mannes wurden DNA-Spuren diverser Tiere gefunden, die eines Wolfs waren allerdings nicht dabei. Maurin beleuchtet in seinem Artikel zwar auch die Möglichkeit einer Falschmeldung, allerdings argumentiert er dann, dass früher oder später ein Mensch verletzt wird, wenn die Wolfspopulation noch weiter anwächst. Er schließt seinen Artikel damit ab, dass der Wolf dem Menschen einige Male sehr nahegekommen ist und fordert, dass die Anzahl der Wölfe beschränkt werden muss.

Ob der Mann wirklich von einem Wolf angegriffen wurde und nicht vielleicht doch von einem streunenden Hund, ist nach wie vor unklar. Die Bewohner in Steinfeld ließen ihre Straßenlaternen von nun an die ganze Nacht brennen.

Auch andere Menschen meldeten vermeintliche Wolfsbegegnungen. Radio Lausitz und einige andere Medien (etwa die Bildzeitung) berichteten von einer Joggerin, der im Wald ein Wolf zwischen die Beine gelaufen sein soll. Durch ihr Schreien flüchtete das Tier und sie trug keine Verletzungen davon. Ihr Vater wandte sich daraufhin an die Medien und erzählte die Geschichte seiner Tochter.

Beachtet werden muss dabei, dass die Frau bemerkt hatte, dass der vermeintliche Wolf ein Halsband trug, weshalb ihr Vater erzählte, dass es sich um einen besenderten Wolf handelte. (Besenderte Wölfe werden mit Halsbändern ausgestattet, wodurch ihr Aufenthaltsort ermittelt werden kann.) Gegen diese Vermutung spricht, dass es zu dem Zeitpunkt keine besenderten Wölfe in Sachsen gegeben hat. Hätte sich ein Tier dorthin verirrt, hätte man dies durch die Überwachung feststellen können. Ob der Vater als Jäger (eine Berufsgruppe, die sich in der Berichterstattung fast durchweg negativ über den Wolf äußert) eine neutrale Position einnehmen kann, ist fraglich. Aufgrund dieser Tatsachen liegt es wohl nahe, dass es sich bei dem Tier nicht um einen Wolf, sondern lediglich um einen streunenden Hund handelte.

Ob der Wolf dem Menschen nun wirklich gefährlich werden kann, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Eine Studie des norwegischen Instituts für Naturforschung untersuchte 2002 die Wolfsangriffe auf Menschen in Europa, Russland, Asien und Nordamerika.

Ergebnis dieser Studie ist, dass seit Beginn des 20. Jahrhundert 22 Menschen in Europa von Wölfen getötet wurden. Die Tiere waren dabei meist mit Tollwut infiziert. Manche von ihnen wurden aber auch provoziert und in sehr seltenen Fällen tötete der Wolf den Menschen ohne Grund. In Deutschland ist Tollwut seit einigen Jahren ausgerottet, was die Gefahr der Wolfsangriffe hierzulande erheblich minimiert. In der Studie wird aber auch deutlich gemacht, dass der Wolf ein Raubtier ist und genauso wie beim Löwen, Tiger, Bären und selbst dem Hund kann man einen Angriff auf den Menschen nie ganz ausschließen.

Natürlich löst das bei der Bevölkerung Angst aus und es wird gleichzeitig immer schwieriger, sich in der Debatte zu orientieren.

Auf der einen Seite gibt es Institutionen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, jegliche kritischen Stimmen zum Wolf zu entkräften (nennen könnte man da beispielsweise die Seite Wolfsmonitor) und auf der anderen Seite stehen Jäger- und Landwirtverbände, die im Internet und in Magazinen gegen das Tier wettern.  Dazwischen stehen die Medien. Es lassen sich dabei auch Artikel finden, die differenziert sowohl Wolfsfreunde als auch -feinde zu Wort kommen lassen und Studien in ihre Argumentation mit einbeziehen. (Ein gutes Beispiel hierfür im Focus: Wie gefährlich der Wolf für den Menschen wirklich ist). Jedoch gibt es auch einige Medien, die, wie hier dargelegt, über Wolfsangriffe berichten, ohne Hintergründe zu beleuchten und ihre Artikel mit emotionalen Aussagen und abschreckenden Bildern unterfüttern.

Das Problem ist, dass bei dem durchschnittlichen Rezipienten, der sich flüchtig die Newsspalten ansieht, genau das hängen bleibt. Sie lesen lediglich von den Angriffen, sehen die Bilder und werden in der Vorstellung des bösen Wolfs bestätigt.

Weitere Quellen

Spiegel

Nordkurier

Titelbild: Pixabay

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Oktober 2019 von in Gelesen und getaggt mit , , , , , .
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