Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Wer nicht impft, der spinnt

Anders gesagt: Die Leitmedien sind für das Impfen. Und machen sich über alles andere lustig.

Von Antonia Drexel, Felix Meindorfer & Max Girgnhuber

Nun ist es beschlossen. Ab 2020 müssen Kinder bei der Einschulung eine Masernimpfung vorweisen. Ja, das leidige Thema Impfen. Es steht spätestens seit dem nun beschlossenen Gesetzentwurf von Jens Spahn vom Mai dieses Jahres wieder auf der politischen Tagesordnung und nimmt einen wichtigen Platz in der Publikums- und Medienagenda ein. Die Berichterstattung der Leitmedien zum Thema ist meist vor allem eins: einseitig. Es scheinen sich alle einig zu sein: Wer impft, gewinnt, und wer nicht impft, spinnt.

Wie wird das Thema in den Medien überhaupt behandelt? Wenn man auf der Website der Süddeutschen Zeitung nach dem Stichwort Impfen sucht, erhält man 290 Ergebnisse. Alleine für 2019. Auf Welt.de erschienen zwischen den Monaten Januar und März immerhin monatlich mindestens drei Artikel zum Thema. Das Thema steht also auf jeden Fall im Diskurs.

Wenn man die Fülle an Beiträgen genauer betrachtet, sticht ein Name ins Auge: Hans Tolzin. Bekennender Impfgegner.

Nehmen wir zum Beispiel die Talkshow “Münchner Runde” vom 17. April. Tolzin sitzt neben einem Medizinjournalisten, einer Kinderärztin und der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Schlechte Karten also für den Impfgegner. Trotzdem: Mit schlagfertigen Argumenten könnte Tolzin die Debatte durchaus in Schwung bringen – wenn er dürfte. Denn über den ganzen Sendungsverlauf hinweg bekommt er nur selten die Chance, seine Meinung darzustellen. Immer wieder unterbricht ihn Moderatorin Ursula Heller mitten im Satz, macht ihm klar, dass seine Meinung gerade unerwünscht ist. Obwohl Tolzin in der erlesenen Runde der einzige Impfkritiker ist, ist sein Redeanteil geringer als der der anderen Gäste. Der Eindruck: Alle gegen den Impfgegner.

Nicht nur die Münchner Runde zeigt sich im Umgang mit Impfgegnern unbeholfen. Auch Spiegel-TV hat Probleme, mit den Impfgegnern ins Gespräch zu kommen und sie fair zu behandeln. Die Reportage “Die bizarre Welt der Impfgegner” leitet die Kommentatorin so ein: „Was aussieht wie eine PEGIDA-Veranstaltung, ist eine Demo von Impfkritikern.“ Das mag zwar richtig sein, doch es trägt nicht dazu bei, die Impfgegner mit sachlichen Argumenten Schachmatt zu setzen. Kein Wunder also, dass Hans Tolzin bei der Demonstration auf das Spiegel-TV-Kamerateam losgeht.

Man könnte jetzt denken, dass Tolzin Probleme mit der “Lügenpresse” hat. Aber bei dieser Demonstration führt er auch ein ganz normales Interview mit dem Y-Kollektiv – einem Team aus jungen Reportern, das zu “funk” gehört. Finanziert von ARD und ZDF. Reporter Johannes Musial stellt durchaus kritische Fragen – nur lässt er Tolzin dann halt auch ausreden. Die wertenden Kommentare spricht Musial erst hinterher. Auf Tolzins “Wir sind doch keine Deppen!” folgt ein “naja” aus dem Off. Auch hier wird Tolzin also nicht so ernst genommen, wie es zunächst scheint.

Impfgegner werden also durchaus thematisiert. Allerdings hauptsächlich in Form von Hans Tolzin. Warum wählen die Leitmedien genau ihn als Stellvertreter für die Impfgegnerschaft Deutschlands? Antworten liefert seine Vita. Tolzin ist gelernter Molkereifachmann, bezeichnet sich aber auf seiner Website als “selbsternannter Medizinjournalist”. Tolzin fällt immer wieder durch seine unwissenschaftlichen Ansichten auf: Er leugnet die Existenz des HIV-Virus, bezeichnet Homosexualität als eine heilbare Krankheit und ist Anhänger der “Germanischen Neuen Medizin” – einer Behandlungsmethode, die ihren Erfinder Ryke Geerd Hamer schon vor mehr als 20 Jahren die Approbation kostete und ihm mehrere Haftstrafen bescherte. Hans Tolzin: ein interessanter Mensch, der Angriffsfläche bietet.

Wie die Leitmedien mit ihm umgehen, kann man in drei Optionen zusammenfassen:

  • Ignorieren: Eine derart polarisierende Person einfach ignorieren und sich somit eine spannende Story entgehen lassen, die sich unter Umständen gut verkaufen lässt, würde wohl jedem Chefredakteur sauer aufstoßen. Erwähnt wird Tolzin also in Leitmedien wie Focus, FAZ und Welt.
  • Diffamieren: Beiträge produzieren, die Impfgegner wie einen Haufen Spinner darstellen. Focus macht‘s vor: Wichtig dabei ist ein reißerischer Erzählstil. Wissenschaftliche Fakten am Ende des Beitrags bringen, um Objektivität zu suggerieren oder – noch besser – ein Fallbeispiel einbauen: am besten jemand, der sich nicht gegen Masern impfen ließ und bereits im Jugendalter zum Pflegefall wird (siehe Spiegel TV). Beitrag fertig. Der Rubel rollt.
  • Aufklären: Man spricht mit Impfgegnern, lässt sie ausreden und respektiert ihre Ansichten. Dann recherchiert man die Ängste und Sorgen der Impfgegner und entkräftet diese Schritt für Schritt in neutralem Ton. Keine hitzigen Debatten. Weniger Emotionen. Weniger reißerisch.

Kein Wunder, dass sich die Redakteure dann doch für Variante zwei entscheiden. Und so werden Impfgegner in Medien wie Focus und Welt weiterhin als “Schmarotzer” und “asoziale Trittbrettfahrer” bezeichnet werden.

Das ist natürlich keine vollständige Diskursanalyse des Themas. Einige Artikel berichten durchaus auch aufklärend und neutral über das Impfen. So beispielsweise ein Artikel mit dem Titel „Sind Impfungen sinnvoll oder schädlich“ der online bei der Welt erschien. Mit medizinischen Belegen und in neutralem Stil werden hier die Vor- und Nachteile von Impfungen abgewogen.

An dieser Stelle bemerkenswert ist allerdings das Erscheinungsdatum des Artikels: 20. Dezember 2007. Die letzte neutrale, nicht überemotionale Berichterstattung zum Thema Impfen von „Welt“ liegt also bereits zwölf Jahre zurück. Die Suche nach aktuellen objektiven Artikeln der Leitmedien ist schwierig. Zum heutigen Zeitpunkt sind die reißerischen, diffamierenden Stimmen immer die lauteren. Man kann sich am Ende die Frage stellen, wie sinnvoll eine Berichterstattung ist, die alleine die Meinung der Impfbefürworter verstärkt, den Impfkritikern allerdings keine Chance gibt, ihre Zweifel durch logische Argumente zu beseitigen. Also, liebe Medien: vielleicht mal auf die Leute zugehen und diskutieren statt diffamieren. Ist zwar aufwendiger, aber langfristig sinnvoller, wenn ihr etwas Gutes bewirken wollt.

Titelbild: Katja Fuhlert, Pixabay

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. November 2019 von in Gelesen, Gesehen und getaggt mit , , , , , .

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