Munich Media Watch

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Zukunftsmodell Zeitung?

Eine Zeitung ohne Online-Angebot und überregionale Nachrichten – naiv oder mutig?

Von Stephanie Herkenroth

Zeitungssterben ist kein neuartiges Phänomen. Traurig, aber wahr. Erst kürzlich bekamen Redakteure der Frauenzeitschrift Brigitte wieder einmal deutlich zu spüren, was es heißt, in der heutigen Zeit Journalist zu sein.

Eins ist sicher: Menschen mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis sollten wohl eher keine Journalisten werden. Denn der Zeitungsmarkt ist ungewiss. Befindet sich in einer Umbruchphase. Von Print zu Online. Von gratis zur Bezahlschranke. Von der Tages- zur Wochenzeitung. Die Liste ist lang und bei weitem nicht final.

Harburger Blatt samt AufstellerDoch einer weiß ganz genau, was er will: Peter Noßek. Der 55-Jährige hat eine Vision, besser gesagt eine Mission: Das Harburger Blatt. Erscheint einmal alle zwei Wochen, ausschließlich in gedruckter Form und enthält lediglich Lokalnachrichten. Gewagt, könnte man sagen – vor allem in der derzeitigen Hochkonjunktur des Stellenabbaus und Zeitungssterbens. Doch Noßek will zeigen, dass die gedruckte Zeitung nicht dem Tode geweiht ist. Wie wichtig ihm dieses Ziel ist, beweisen seine Opfer: Er musste sein Haus verkaufen sowie kurzzeitig ohne Internet und Wasser leben.

Doch wie kam der Harburger zum Journalismus? Wie so oft im Leben: über Umwege. Ursprünglich wollte Peter Noßek nach seinem Studium der Sportwissenschaft Basketballtrainer werden. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen sollte eine kleine Olympus, ein Geschenk seiner Mutter, der Beginn einer Fotografenkarriere sein. Nebenbei arbeitete er dann als freier Mitarbeiter für die Harburger Anzeigen und Nachrichten. Als dieses Blatt im September 2013 der Krise auf dem Zeitungsmarkt zum Opfer fiel, wäre Harburg zukünftig nichts weiter als eine Beilage in der Hamburger Medienwelt gewesen. Das musste Noßek verhindern – und entwarf das Harburger Blatt.

Harburger BlattAm 6. Dezember 2013 fiel dann der Startschuss. Am Nikolaustag verteilte Peter Noßek, zusammen mit Freunden, die ersten 20.000 Gratis-Exemplare an die Harburger Bevölkerung. Seitdem kann man die Zeitung für einen Euro überall dort erwerben, wo kunstvolle Aufsteller in Form von Schiffen vor Anker liegen bzw. stehen. Pro Woche werden so rund 2.000 bis 2.500 Exemplare abgesetzt.

Aber wer stemmt das Projekt? Noßek selbst. Im Alleingang. Er ist Erfinder, Herausgeber, Chefredakteur, Fotograf, Buchhalter, Anzeigenkoordinator und Zeitungsbote in einem. Kurz: eine One-Man-Show. Unterstützt wird er bei der Erstellung seines achtseitigen Lokalkolorits durch Texte freier Mitarbeiter und Möchtegern-Poeten. Fotos von Lesern dienen als Unterstützung der Beiträge. Peter Noßek ist der Auffassung, dass jeder Harburger bei seinem Zeitungsexperiment mitwirken soll. Die nächste Schülerzeitung also? Noßek sieht es in einem ZEIT-Interview eher so: „Die Menschen lieben, was ehrlich ist. Was authentisch ist. Wenn es laienhaft wirkt: scheiß drauf.“

Laienhaft hin oder her – das Blatt feiert diese Woche Geburtstag. Das heißt auch: ein Jahr Bestehen ohne Online-Angebot und überregionale Nachrichten. Schon allein dafür müsste man Peter Noßek applaudieren!

Und auch wenn die Redaktion im Jeansshop Harburg sitzt und Noßek selbst wahrscheinlich kein Millionär mit der Zeitung wird, beweist der Harburger auf seine ganz eigene Weise, dass die Zeitungskrise nicht Status quo sein muss. Ausnahmen bestätigen die Regel. Oder nicht?

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