Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

Denken in Metaphern

Media Watch aus der Perspektive einer Linguistin: Elisabeth Wehling sitzt in Berkeley und nimmt in ihrem Buch Politisches Framing die deutsche Mediensprache auseinander.

Von Michael Meyen

Das ist doch mal ein Buch. Leicht zu lesen und trotzdem wichtig. Framing ist gerade in unter Medienforschern. DIE Theorie, sozusagen. Was Elisabeth Wehling macht, hat den gleichen Namen, das schon. Wehling geht aber tiefer, hinein in unsere Wahrnehmung und in unseren Alltag. Ihr Ausgangspunkt: „Wir alle denken und handeln tatsächlich nach Worten“ (S. 41). Der Mensch, so geht es weiter, kann Worte und Ideen aber nur verarbeiten, indem er auf sein Weltwissen zugreift – auf das, was wir schon gefühlt und ertastet, gerochen oder geschmeckt haben, auf Bewegungsabläufe, mit denen wir vertraut sind. Bei Wehling heißt das „Embodied Cognition“ (S. 21). Um Worte zu verstehen, ruft unser Gehirn im Körper das ab, was dort mit Worten assoziiert wird. Wer hört, dass etwas im fünften Stock passiert, der schaut automatisch nach oben, weil er weiß, wo das ungefähr sein wird.

Damit ist Elisabeth Wehling schon beim Framing: „Wenn es gilt, Worte oder Ideen zu begreifen, so aktiviert das Gehirn einen Deutungsrahmen“ (S. 28). Was in diesen Rahmen passt, wird schneller erkannt (zum Beispiel ein Tier mit ausgebreiteten Flügeln, wenn vorher von einem Vogel am Himmel die Rede war), und was im Gehirn aktiviert wird, beeinflusst unser Handeln. Ein schönes von den vielen Beispielen im Buch: Wer den Tag morgen bespricht, beugt sich eher nach vorn (weil es um die Zukunft geht), und wer von Kindheitserlebnissen berichtet, lehnt sich eher zurück (S. 39).

Was das alles mit Politik und Medien zu tun hat? Wehlings Mantra: Es gibt keine Fakten an sich. Wir bewerten und entscheiden über Frames, die Fakten mit Sinn versehen – auch weil wir unser Denken kaum beeinflussen können und oft nicht einmal wahrnehmen. Als Beleg holt Wehling den „Euro-Rettungsschirm“ aus der Kiste. Schirm, darum geht es. Um Gefahren, vor denen man Menschen schützen muss, um ein Naturereignis, auf das Menschen keinen Einfluss haben. Der Frame Schirm sagt: Die Gefahr geht nicht von Menschen aus (auch nicht von Kriminellen, Faulenzern, Banken), und niemand hat sich falsch verhalten. Egal wen wir für den „Verursacher“ halten mögen: „eine semantische Rolle, die gar nicht existiert, kann man auch nicht besetzen“ (S. 44). Zu diesem Mantra gehört auch, dass es nichts nützt, „gegen bestimmte Maßnahmen oder Ideologien“ zu argumentieren, weil man sich dann „sprachlich – und damit gedanklich – in der Weltsicht des Gegners“ verheddere (S. 56). Zugespitzt: Wer die Frames der anderen Seite verwendet, hat schon verloren.

Für Medienforscher besonders interessant: die Conceptual Metaphor Theory (S. 69). Idee: Abstrakte Konzepte werden von uns  immer auf das übertragen, was wir kennen, was wir schon erfahren haben. Für entsprechende Analysen von Medieninhalten liefert Elisabeth Wehling die nötigen Kategorien: Quelldomäne (wo kommt die Semantik des Frames her) und Zieldomäne (worauf wird sie übertragen). In der zweiten Hälfte ihres Buches exerziert sie das dann durch. Für Steuern zum Beispiel (die wir nicht anfassen können, aber trotzdem als Last empfinden müssen, weil Steuern als soziale Überzeugungstat und Quelle von Stolz in keiner Debatte stattfinden würden, S. 104), für Abtreibungen, für Terrorismus und Islam und natürlich für Flüchtlinge. Zu jedem dieser Themen gibt es eine Fülle von Belegen aus der aktuellen Berichterstattung. Eine Fundgrube für jeden Medienkritiker.

Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie sich eine Nation ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem 2016.

 

Über Michael Meyen

Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU

2 Kommentare zu “Denken in Metaphern

  1. Manfred
    6. Mai 2016

    Fehleinschätzungen.
    Der Art.125 AEUV sagt: „Die Union haftet nicht für Verbindlichkeiten von Zentralregierungen“. Dieses Gesetz wurde geschrieben, um „Menschen“ klar zu machen, dass sie ihre Staatshaushalte nicht verschulden können und dann darauf spekulieren, dass andere das abzahlen.
    Die griechischen Regierungen haben es trotzdem gemacht und haben gewonnen. Das non-bail-out-Gesetz wurde gebrochen und sie Fr.Wehling zahlen jetzt.

    Die Fehleinschätzung von „Fakten“ dient zur Verschleierung von Sachverhalten. Fr. Wehling demonstriert das Problem von Sozialwissenschaftlern im Umgang mit der Wirklichkeit.

  2. Manfred
    6. Mai 2016

    Die griechische Schuldenkrise hat nichts mit einem „Naturereignis zu tun, sondern ist herbeigeführt worden.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Mai 2016 von in Aufgefallen und getaggt mit , , , , .
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