Munich Media Watch

Uns bewegt, was Medien bewegt.

#jesuischarlie: Ein Kampf um Pressefreiheit

Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ein Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Doch gerade für die Satiriker heißt es: jetzt erst recht.

von Julia Anton

„Haben Sie denn keine Angst um Ihre Mitarbeiter und vielleicht auch um sich selbst?“, will Sven Lörig, Moderator beim ARD-Nachtmagazin, von Tim Wolff, Chefredakteur des Satiremagazins Titantic, wissen.

„Ich habe jeden Tag Angst um meine Mitarbeiter, weil sie sich als Satiriker mit dem Wahnsinn der Welt beschäftigen müssen (…), aber ich glaube nicht, dass dieses Attentat daran wesentlich etwas ändert“, antwortet Wolff gefasst. Er sucht auch keinen Polizeischutz für seine Redaktion.

Sven Lörig wirkt ein bisschen überrascht, hakt noch mal nach, aber nein, die Botschaft von Wolff ist klar und steht wohl auch stellvertretend für seine Kollegen überall auf der Welt: Ihr macht uns keine Angst. Die Aufgabe der Satiriker ist es, alles mit Distanz zu betrachten. Dazu gehört auch ein Angriff auf die eigene Berufsgruppe.

Schon wenige Stunden nach dem Attentat war die erste Karikatur im Netz. Sie zeigt einen bewaffneten Muslim, der einen Zeichner erschießt. „He drew first“.

Auch das deutsche Online-Satire-Magazin der Postillion nahm noch Mittwoch in einem Beitrag rechtsextrimistische Organisationen aufs Korn, die womöglich von diesem albtraumhaften Attentat profitieren. Der Artikel der österreichischen Tagespresse mit dem Titel „Satiremagazin droht Islamisten mit Vergeltungsschlag – Bis zu null Opfer befürchtet“ spricht ebenfalls für sich. Aufhören ist keine Option, die Satiriker wehren sich mit dem, was sie am besten können: Satire.

Der Beitrag beim Postillion

Der Beitrag beim Postillion

Die Anteilnahme ist groß: Zum Hashtag #jesuischarlie finden sich unzählige Beiträge in den sozialen Netzwerken. Auf Facebook ändern viele ihr Titelbild, es finden sich zahlreiche Veranstaltungen in allen großen Städten Europas, bei denen gemeinsam um die Opfer des Anschlags getrauert und für die Pressefreiheit demonstriert wird.

Doch darf Satire wirklich alles? Der französische Komödiant Mustapha el Atrassi, Moslem, spricht sich auf seiner Facebook-Seite klar gegen Mohammed-Karikaturen und für die Pressefreiheit aus. Ein Widerspruch? Nicht für viele Muslime. Für sie verletzen diese Karikaturen ihre religiösen Gefühle. Religionskritik – ein Tabu. Dabei nehmen die Satiriker nicht nur den Islam, sondern auch die anderen Weltreligionen aufs Korn. Charlie Hebdo schreckte vor Mohammed genauso wenig zurück wie vor dem Vatikan oder der Jungfrau Maria.

„(…) Und für alle, die ihn [Anm.: den Witz] nicht mögen, sollte mehr denn je gelten: Ertragt ihn oder ignoriert ihn“, schreibt Wolff in einem Gastbeitrag bei n-tv. Ich stimme ihm zu: Journalismus hat unter anderem die Aufgabe zu hinterfragen, zu kritiseren – warum sollte man dabei vor Religion halt machen?

Am besten fand ich jedoch seine Antwort auf Lörigs Frage, ob er nun eher mehr oder weniger islamkritische Karikaturen veröffentlichen möchte. „Ich glaube aber, dass ich eher die Parole ausgeben würde, terrorfeindliche Witze zu machen, weil (…) man beleidigt sonst sehr viele Menschen, die Satiriker nicht töten wollen.“

Über Julia Anton

22, 55. Lehrredaktion an der DJS/LMU.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Januar 2015 von in Allgemein, Aufgefallen und getaggt mit , , , , .
%d Bloggern gefällt das: